NACHSPIELZEIT

Die verlorene Saison

Es ist mal wieder Zeit für meinen höchst persönlichen Rückblick auf die jetzt abgelaufene Saison. Wie immer werdet Ihr nichts über Spiele, Taktiken und Ergebnisse lesen, das gibt es anderswo viel besser. Dafür versuche ich aber einen (nicht abschließenden und allumfassenden) Einblick darin zu geben, warum es für mich insgesamt eine verlorene Saison ist.

Patient Profifußball

Der Profi-Fußball ist in Zeiten der Pandemie wie der schwer Erkrankte, der mühsam versucht eine Fassade aufrechtzuerhalten in dem vollen Wissen, dass es gar nicht gut um ihn steht. Man tut als sei alles normal und doch sind eigentlich für jeden die zunehmend weiter aufklaffenden Risse deutlich erkennbar.

Und so ziehen die Stadionsprecher weiter ihre Show durch, auch wenn das gesamte Publikum das Spiel in den heimischen vier Wänden nur aus der Konserve konsumieren kann. Wo man vor dem TV noch versucht so etwas wie Emotion aufzubauen, während das Rumgebrülle von Spielern und Trainern einfach nur noch nervt. Profi-Fußball funktioniert für mich nicht ohne das regelmäßige Stadion-Erlebnis oder die Emotionen der Fans bei TV-Übertragungen. Funktioniert nicht ohne den persönlichen Kontakt zu Menschen, die auch zu so einem Spieltag mit dazugehören. Die gemeinsame Freude (und auch den gemeinsamen Ärger) kann halt kein Tweet oder eine Videokonferenz ersetzen. Ein Torjubel in 240 Zeichen ist halt einfach nichts im Vergleich zum echten Erleben. Diese fehlende persönliche Verbindung zu allem rund um den Fußball, hat bei mir deutlich zu Veränderungen in der Wahrnehmung und Priorität dieses Hobbies geführt.

Der Profi-Fußball leidet im übertragenen Sinne nicht nur an den Beinen, sondern ganz tatsächlich auch am Kopf. Wenn ich mir über die letzten Monate so DFB und DFL anschaue, dann scheinen da einigen Synapsen nicht mehr ganz richtig verbunden zu sein. Insbesondere das limbische System scheint da wild zu feuern und vor allem Angst, Hass und Wut zu produzieren.

Die DFL hat ihre Angst zu Beginn der Pandemie in den Begriff „Demut“ kanalisiert und in Person von Christian Seifert sehr staatstragend darüber gesprochen, dass die Analyse der Situation gezeigt habe, dass es nun aber wirklich zu nachhaltigen Veränderungen im Profi-Fußball kommen müssen und die DFL sich selbstverständlich sehr eingehend mit den notwendigen Ansätzen beschäftigen werde. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde die Taskforce „Zukunft Profifußball“ geboren, in der eine diverse Gruppe von Menschen fortan in mehreren Treffen Maßnahmen erarbeiten sollte, um die Veränderungen anzustoßen. Vonseiten der Fans hatte sich dazu bereits im Frühsommer 2020 eine vereins- und ligenübergreifende Gruppe zusammengefunden, die letztendlich mit vier detailliert ausgearbeiteten Konzepten in die Taskforce-Runden gegangen sind, um dort die Standpunkte vieler Fans und Fanorganisationen zu vertreten. Inwieweit die DFL wirklich mit den Ergebnissen der Taskforce arbeiten möchte ist mir persönlich immer noch nicht klar, dass aber auch nach über 100 Tagen nach Abschluss der Gespräche noch nichts weiter erfolgt ist, deutet schon in eine gewisse Richtung. Und die (öffentlich nicht zugängliche) Antwort der DFL auf den offenen Brief, setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf. Unfassbar arroganter Haufen da im Elfenbeinturm.

Immerhin kann die DFL für sich in Anspruch nehmen, dass man den Laden einigermaßen zusammengehalten hat, während beim DFB nach und nach alle Dämme gebrochen sind. Eigentlich spotten die Vorgänge beim größten Verband aller Beschreibung, nur leider hat man Varianten davon in diesem Jahr auch in Stuttgart beobachten müssen. Der DFB ist allerdings im Gegensatz zum VfB nun an eine Punkt angekommen, an dem es eigentlich gar nicht mehr weitergehen kann, wenn man sich nicht für eine radikale Lösung entscheidet und Veränderungen nachhaltig anstößt. Im vergangenen Jahr hatte ich im Rahmen von Zukunft Profifussball die Möglichkeit an einer Diskussion beim DFB teilzunehmen. In der großen Runde saßen meinem Eindruck nach durchaus einige Personen, die sehr motiviert an ihre Aufgaben herangehen und auch etwas verändern wollen. Leider war in dieser Runde allerdings mit Dr. Rainer Koch auch ein altgedientes Schlachtross der Verbandsarbeit zugegen, der nicht nur nach und nach die ganze Veranstaltung an sich gezogen hat, sondern mit seinem „Ich würde ja gerne, aber …“ auch das letzte zart sprießende Pflänzchen an Weiterentwicklung hat verdorren lassen. Dass dieser Herr nun schon wieder den DFB führen darf, ist mir von der Sache her komplett unverständlich. Aber wir wissen doch auch alle, wie das mit der Spinne und dem Netz ist …

Rasselbande

Es gab aber auch Lichtblicke und die oft sehr erfrischend aufspielenden Mannschaft von Trainer Pellegrino Matarazzo war einer davon. Insbesondere hat es wirklich Spaß gemacht, allen Beteiligten bei der Entwicklung zuzusehen, auch wenn man manchmal doch einiges an Geduld aufbringen musste. Einer der Höhepunkte war ganz bestimmt das 5:1 gegen den BVB, das nicht nur absolut verdient aber vor allem auch schon fast rauschhaft herausgespielt war. An diesem Abend haben die Jungs auf dem Platz gezeigt, was sie nicht nur individuell können, sondern auch wozu sie all Mannschaft in der Lage sind. Dass am Ende nun der nie gefährdete Klassenerhalt steht, ist Zeugnis dieser tollen Saison. Noch mehr freut mich aber, dass der VfB es nach langer Zeit mal wieder geschafft hat, mit ein und demselben Trainer die Saison zu beginnen und auch zu beenden! Ich mag die (zumindest nach außen hin zur Schau gestellte) ruhige und sachliche Art des Trainers, der viele Dinge lieber analytisch angeht, als große Rede zu schwingen. Dass er mitunter aber durchaus auch ein schlummernder Vulkan sein kann, hat sich das ein oder andere Mal dann ja auch am Spielfeldrand gezeigt. Und nicht zuletzt müssen natürlich mit Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger die Personen genannt werden, die den Rahmen für diese tolle Entwicklung schaffen. Allen gebührt ein herzlicher Glückwunsch zu dieser sportlich so erfolgreichen Saison!

Die Vertreibung aus dem Paradies

Die Älteren werden sich erinnern, 2020 war der überwiegende Teil der VfB Fans und Mitglieder der Auffassung, dass nach Jahren der Unruhe endlich wieder so etwas wie Normalität eingekehrt sei. Nicht nur machte die Mannschaft Spaß, auch Präsident und Vorstandsvorsitzender gaben jeweils in ihrem Bereich eine gute Figur ab. Thomas Hitzlsperger erhielt sogar das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement und als Mitglied und Fan konnte man ein kleines bisschen stolz sein. Die geschundenen Seelen der VfB hatten nach den Querelen der Dietrich-Jahre aber auch wirklich eine Erholung verdient.

Nun hatte man es verschiedentlich schon in den Wochen und Monaten zuvor rumoren hören, das war aber nie konkret genug, um einen auf den Tiefschlag vorzubereiten, den der offene Brief von Thomas Hitzlsperger und alle nachfolgenden Ereignisse zumindest mir versetzt haben. Bis heute konnte mir noch niemand glaubhaft erklären, was wirklich die Motivation hinter diesem Brief war (auch nicht Thomas selbst). Deutlich geworden ist in der Folgezeit allerdings, dass das wohl angestrebten Ziel, Claus Vogt mit einem Schuss zu erledigen, ganz und gar nicht erreicht werden konnte. Da hat wohl niemand bei der Planung damit gerechnet, dass Vogt am Ende mehr Rückgrat und Durchhaltewillen beweisen würde und auch gegen den (nicht zu Unrecht) sehr beliebten Thomas Hitzlsperger sehr, sehr viel Unterstützung erhalten würde. Oder dass selbst alle denkbaren vereinspolitischen und juristischen Winkelzüge diesem Putsch nicht zum Erfolg verhelfen würden. Das spricht nicht nur für eine völlige Verkennung der Realität, sondern auch für die zunehmende Verzweiflung, mit der die Aufklärung des Datenskandals (darum ging es ganz ursprünglich, man kann es leicht vergessen) verhindert oder doch zumindest verschleppt werden sollte. Noch jetzt werde ich den Eindruck nicht los, dass manch (ehemals) Verantwortlicher beim VfB panisch versucht haben muss, eigenes Fehlverhalten zu vertuschen und wie ein in die Ecke gedrängter Hund wild um sich gebissen hat. Sofern sie sich schon durchgesetzt hat, muss die Erkenntnis, dass all die über Jahre etablierten Mechanismen nicht mehr funktionieren, Einige hart getroffen haben. Mitleid habe ich da aber natürlich keines und bin nur gespannt, wie sich das alles nach den Wahlen auf der kommenden Mitgliederversammlung entwickeln wird.

Jump on board the Hypetrain

Die ersten drei Monate diesen Jahres waren auch für mich persönlich auf ganz unterschiedliche Weise herausfordernd. Der Antrag auf Satzungsänderung hat Dinge ins Rollen gebracht, mit denen ich so vorher nicht gerechnet hatte. Viele positive Dinge, aber auch negative Begleiterscheinungen.

Manche wissen vielleicht, dass ich mich im vergangenen Jahr in der Initiative „Zukunft Profifußball“ engagiert habe und dort am Papier der Arbeitsgruppe „Vereine als demokratische Basis“ mitgeschrieben habe. In dieser Phase habe ich mich sehr viel mit der Teilhabe von Mitgliedern und Fans an Profi-Vereinen beschäftigt und mir angeschaut, wie das so im deutschen Fußball an den verschiedenen Standorten gemacht wird. Mit dieser Vorgeschichte und dem Wissen um die wirklich schlecht ausgearbeitete Satzung des VfB bin ich natürlich äußerst aufmerksam geworden, als Thomas Hitzlsperger seine Kandidatur bekannt gegeben hat und damit potenziell etwas auf den Weg gebracht hat, was meinem Verständnis von Demokratie und Unabhängigkeit im Verein komplett zuwider spricht. Der daraufhin formulierte Antrag auf Satzungsänderung war allerdings nie gegen Thomas Hitzlsperger persönlich, sondern einzig auf einer der vielen Schwachstellen in der Satzung gerichtet, die so ein Szenario möglich machen. Ich bin froh, dass ich das Thomas auch selbst sagen konnte und er das auch angenommen hat.

In der Sache bin ich aber auch weiterhin voll davon überzeugt und stehe dazu, dass die Satzung in diesem Punkt unbedingt geändert werden muss. Das war für mich auch die Motivation, nicht nur den Antrag zu veröffentlichen, sondern auch in eine Diskussion darüber zu gehen. Aus meiner Sicht war es dazu (und ist es noch heute) hilfreich, diese Diskussion möglichst breit zu führen, was mich letztendlich dann auch dazu bewogen hat, in diesen Wochen sehr viele Interviews zu führen und mein Anliegen zu erklären. Mit eigentlich nur einer Ausnahme habe ich dabei gute Erfahrungen gemacht, das lief immer fair und offen ab. Und meine deutliche Kritik an dieser eine Ausnahme wurde dann in sehr guter Weise aufgenommen und korrigiert.

Musste ich mich auch als Selbstdarsteller beschimpfen lassen? Als willfährige Marionette von Claus Vogt? Wurden Aussagen bewusst falsch dargestellt oder interpretiert? Irgendwelche Dinge aus der Vergangenheit herausgekramt in der Absicht mich zu verletzen oder bloßzustellen? Ja, das ist passiert und ich kann nicht sagen, dass das spurlos an mir vorbeigegangen ist. Dazu bin ich dann doch offensichtlich nicht Medienprofi genug.

Ich bitte, das nicht falsch zu verstehen, ich möchte mich gar nicht beschweren. Ganz überwiegend habe ich viel Zuspruch und positives Feedback bekommen und das hat mir wirklich geholfen! Vielen Dank allen dafür! Ich konnte ganz sachlich über alle möglichen Dinge betreffend den VfB diskutieren und bei Fragen weiterhelfen. Das hat Spaß gemacht. Und natürlich habe ich mich selbst in die Situation begeben, wenn auch vielleicht teilweise etwas blauäugig. Man lernt eben nie aus und muss nur die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Einer dieser Schlüsse war, mich nach reiflicher Überlegung nicht für den Vereinsbeirat zu bewerben. Ich biete dem VfB gerne meine Mitarbeit bei inhaltlichen Themen an, aber ein Amt ist in dieser Situation nicht das Richtige für mich.

Was bleibt?

Der VfB kann sportlich richtig Spaß machen! Nach vielen Jahren der fußballerischen Hausmannskost durften wir Fans in dieser Spielzeit teilweise wieder mal richtig begeisternden Fußball erleben. Natürlich gab es auch Talsohlen, die zu durchschreiten waren (und mich mitunter durchaus genervt haben). Aber insgesamt ist es wirklich eine Freude, Mannschaft und Trainer bei deren Entwicklung zuschauen zu dürfen. Dafür gebührt der Dank nicht nur den Aktiven, sondern natürlich auch dem Team hinter dem Team!

Zur Wahrheit gehört für mich persönlich aber auch, dass mir das unmittelbaren Erleben so sehr fehlt, dass ich mich in dieser Saison vom Fußball allgemein aber auch in Teilen vom VfB entfernt habe. Der TV-Bildschirm wird niemals das Gefühl ersetzen können, dass man rund um und während eines Spiels im Stadion hat. Das Auf und Ab der Emotionen gehört zum Fußball nun mal dazu und ist mehr als eine Tonspur im Fernsehen. Ich hoffe nur, dass diese Entwicklung nicht schon unumkehrbar ist.

Außerdem bin ich auch zu der Erkenntnis gekommen, dass ich den VfB in gewissen Phasen auch mal weiter von mir wegschieben können muss. Wo der Verein, bei aller Begeisterung, nicht einen Großteil des Tages einnimmt und andere Dinge einfach wichtiger sind. Für mich ein weiteres Argument gegen ein Amt im Verein. Die Querelen beim VfB in diesem Jahr haben auch ein bisschen was bei mir kaputt gemacht, da muss glaube ich einige Zeit vergehen, bis das wieder geheilt ist.

Die gesamte Corona-Situation mit all ihren Begleiterscheinungen ist sicherlich auch ein Faktor, aber auch die Entwicklung des Profifußballs ganz allgemein führt dazu, dass mir Dinge sehr fremd geworden sind und so die abgelaufene Saison für mich eine verlorene ist. Das Schlimme: Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin und je mehr sich dieses Gefühl breit macht, desto größer wird die Herausforderung für alle Akteure im Profifußball. Und auch in diesem Punkt ist meine Hoffnung nicht gerade überschäumend.

Jetzt oder nie

Auf Jahre hinaus haben wir Mitglieder vielleicht das letzte Mal die Chance, den VfB in die richtige Richtung zu lenken. Was nun „richtig“ bedeutet mag unterschiedlich betrachtet werden, für mich ist es aber ganz klar die Wahl von Personen, die als oberstes Ziel ganz glaubwürdig das Wohlergehen des Vereins und dessen Mitglieder verfolgen und nicht eigenes Ansehen, Schulterklopfen und den Willen nach Macht voranstellen. Personen, die durchaus unterschiedliche Vorstellungen vom Weg zu diesem Ziel haben, dies aber in einer dem Verein zuträglichen Weise diskutieren und erreichen wollen. Und ja, man darf auch mal unterschiedlicher Meinung sein, denn der Wettstreit der Ideen führt idealerweise immer zu einem besseren Endergebnis (es sollte definitiv nicht eine Seilschaft durch eine andere ersetzt werden!). Personen wie Porth, Gaiser, Mutschler, Erhard und Konsorten möchte ich nirgendwo mehr beim VfB sehen und auch die Strippenzieher bzw. Marionettenspieler im Umfeld sollen sich wieder auf die Spende für die Jugend konzentrieren und sich ansonsten raushalten.

Am 18. Juli haben wir Mitglieder die Wahl, wir sollten diese vielleicht letzte Möglichkeit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Und auch wenn wir bis dahin sicherlich noch mehrfach die hässliche Fratze der alten Seilschaften sehen werden, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Personen Relikte der Vergangenheit und nicht die Zukunft des VfB sind.

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2 Kommentare

  1. Joe 24. Mai 2021

    Lieber Ron Merz,
    herzlichen Dank für Ihr Engagement! Sie sprechen mir größtenteils aus dem Herzen. Machen Sie – im Rahmen des Möglichen – bitte so weiter. Dafür wünsche ich Ihnen alles Gute!
    Beste Grüße,
    Joe

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