NACHSPIELZEIT

Abgründe

Die Mercedesstraße 109 ist mal wieder das Zentrum großer Unruhe rund um den VfB Stuttgart. Neuerlicher Anlass ist ein Artikel im Kicker, in dem der Autor Benjamin Hofmann einen bedenklichen Umgang mit persönlichen Daten von Mitgliedern durch den VfB offenlegt (Ausgabe vom 28.09.2020). Insbesondere geht es hier um Aktivitäten, die der Verein in Zusammenarbeit mit Dritten (teilweise weit) im Vorfeld der Ausgliederung im Juni 2017 gestartet hat und an der auch noch heute beim VfB tätige Personen beteiligt waren.

Kurze Zusammenfassung:

  1. Der VfB beauftragt zur Begleitung der eigenen Kommunikation eine Stuttgarter PR-Agentur, hier insbesondere auch mit dem Fokus auf das Thema „Ausgliederung“. Dies geschieht im Frühjahr 2016 unter dem Präsidenten Bernd Wahler.
  2. Der Inhaber der o.g. Agentur Andreas Schlittenhardt betreibt eine Facebook-Seite unter dem Namen „Fokus VfB“. In dieser will Oliver Schraft (Mitglied der Geschäftsleitung) Potenzial für eine als unabhängig wahrgenommene Kommunikation erkannt haben und die Seite wird fortan als inoffizieller Kanal genutzt.
  3. Mitarbeiter des VfB schicken mehrmals Daten von Mitgliedern an die PR-Agentur u.a. für den „Abgleich ‚Facebook-Nutzer'“. Außerdem werden darüber hinaus auch Daten von Forumnutzern versendet.

Im Artikel wird weiterhin auf Nachfragen beim VfB zu diesen Themen eingegangen (die aber wohl ausnahmslos wenig zielführend beantwortet werden) und ein Datenschutzexperte kommt mit einer Einschätzung zu den Vorgängen zu Wort.

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Als erste Reaktion habe ich natürlich eine E-Mail an den Datenschutzbeauftragten des VfB geschickt und gemäß Art. 15 DSGVO Auskunft über die über mich vorliegenden Daten und deren Verwendung eingefordert. Etwas, dass ich nur allen Mitgliedern und Nutzern des VfB-Forums raten kann. Ich bin gespannt auf die Rückantwort aus Stuttgart.

Widmen wir uns doch mal dem ersten Punkt, der Beauftragung einer PR-Agentur. Selbstverständlich ist die grundsätzlich ein völlig normaler Vorgang, gegen den nichts einzuwenden ist. Wenn der VfB hier der Meinung war, Expertise zu benötigen und sich diese über solch eine Beauftragung einkauft, dann ist das ja sein gutes Recht. Wichtig ist hierbei auch die Zeitschiene zu beachten und nicht in einen Reflex zu verfallen, der stark mit dem Namen Dietrich verbunden ist. Die Beauftragung erfolgte schon unter Bernd Wahler, Dietrich war also initial nicht beteiligt. Man hat im weiteren Verlauf dann aber ja deutlich gesehen, dass er die entstandene Struktur durchaus zu seinen Zwecken eingesetzt hat.

Interessanter wird es da schon bei dem Thema der Facebook-Seite „Fokus VfB“, die als Vehikel für „glaubwürdiges Guerilla-Marketing“ genutzt werden sollte. Was ist eigentlich Guerilla-Marketing?

Guerilla Marketing ist überraschend, idealerweise spektakulär, rebellisch und ansteckend. […] umfasst Guerilla-Marketing „verschiedene kommunikationspolitische Instrumente, die darauf abzielen, mit vergleichsweise geringen Kosten bei einer möglichst großen Anzahl von Personen einen Überraschungseffekt zu erzielen, um so einen sehr hohen Guerilla-Effekt (Verhältnis von Werbenutzen und -kosten) zu erzielen“.

Quelle: Wikipedia

Wenn ich mir diese und andere Definitionen anschaue, dann habe ich zuerst mal den Eindruck, dass man hier beim VfB schlicht und einfach ein hippes Buzzword verwendet hat (oder verkauft bekommen hat), ohne sich genau mit dieser Art des Marketings auseinanderzusetzen, aber das nur am Rande. Nun ist Marketing und Werbung immer die gezielte Beeinflussung von Menschen immanent, schließlich will man in der Regel ganz bestimmte Ziele erreichen (wie im Falle des VfB die Zustimmung zur Ausgliederung). Die Konstellation der Zusammenarbeit geht hier aber für mich weiter und zielt ganz klar auf die Manipulation der Mitglieder und der Öffentlichkeit ab. Sei es durch die kommunizierte Wahlempfehlung oder aber auch durch die gezielte polemische Verunglimpfung gewisser, dem VfB in dieser Phase nicht genehmer, Gruppen. Wenn ich mich an diverse Posts auf Facebook und die dazugehörigen Kommentare erinnere, dann hat das durchaus schon auch funktioniert und viele Menschen sind darauf reingefallen. Für mich ist weiterhin der wirkliche Aufreger an dieser Episode, dass man von Seiten des VfB ganz bewusst in Kauf genommen hat, die Spaltung zwischen den Fans und Mitgliedern untereinander aber auch zwischen Verein und Teilen der Mitglieder voranzutreiben. Kollateralschäden hat man für die Ausgliederung dann gerne in Kauf genommen, wahrscheinlich hatte man sogar Spaß dabei (zumindest Schlittenhardt würde ich das absolut unterstellen). Das war schon damals widerlich und ist durch die neuen Informationen sicherlich nicht besser geworden.

Der wirkliche Skandal ist aber der dritte Punkt, nämlich die Weitergabe von Mitglieder-Daten an Dritte (Schlittenhardt) und Vierte (Facebook), sowie die Kombination der Daten aus unterschiedlichen Datentöpfen.

Auch hier darf man die Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließen, denn die Verwendung von Daten ist heute in unterschiedlichem Ausmaße in vielen Unternehmen absolut üblich und dient deren Geschäftszweck. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn dies alles auf rechtlich einwandfreier Basis geschieht. Und genau das wird im Falle des VfB massiv angezweifelt und bedarf daher der umfänglichen Aufklärung. Zwei Punkte sind dabei neben der rechtlichen Lage interessant:

  1. Wurden die Daten tatsächlich über geeignete Tools zu Facebook übertragen und haben damit nicht nur die Hoheit des VfB und der beauftragten Agentur verlassen, sondern sind somit auch in Datenbanken geflossen, die bekanntermaßen wenig mit den europäischen Vorstellungen von Datenschutz und Datenverwendung zu tun haben?
  2. Inwieweit ist es überhaupt zulässig, Daten von Vereinsmitgliedern mit Nutzerdaten aus dem VfB-Forum abzugleichen und zu kombinieren? Immerhin handelt es sich im Forum auch um Daten von Nicht-Mitgliedern.

In der Datenschutzrichtlinie des Forums findet sich folgender Passus:

Regelungen bezüglich der Weitergabe deiner Daten

Der Betreiber wird diese Daten nur mit deiner Zustimmung an Dritte weitergeben, sofern er nicht auf Grund gesetzlicher Regelungen zur Weitergabe der Daten verpflichtet ist oder die Daten zur Durchsetzung rechtlicher Interessen erforderlich sind. […]

Quelle: VfB-Forum

Ich selbst bin seit Januar 2017 im Forum registriert, die Weitergabe von umfangreichen Nutzerdaten erfolgte im Oktober 2018. Ich habe seinerzeit keine Anfrage zu einer Zustimmung bekommen, somit ist die Weitergabe der Daten verboten. Zudem wurden diese Forumsdaten offensichtlich mit Daten aus anderen Quellen kombiniert und so ein Profil der Nutzer erstellt. Auch dieser Vorgang ist meiner Meinung nach nicht durch die Datenschutzrichtlinie gedeckt und somit illegal. Und eine Durchsetzung rechtlicher Interessen hat ganz gewiss auch nicht vorgelegen.

Auch in Bezug auf die Erfassung und Verarbeitung der persönlichen Daten der Mitglieder bin ich mir aktuell nicht genau im Klaren, welche Regelungen hier gültig sind. Auf der Website oder in meinen Unterlagen habe ich keine Dokumente gefunden, wie mit den Daten umgegangen wird. Die auf der Website zugängliche Datenschutzerklärung bezieht sich tatsächlich nur auf die Online-Angebote des VfB. Daher habe ich auch diese Informationen in meiner Mail an den Datenschutzbeauftragten angefordert.

Ein weiterer Punkt, der mich bei allen Datenweitergaben interessiert: Wurden denn wenigstens grundlegende Richtlinien zur Datensicherheit angewendet? Also Verschlüsselung der E-Mails, Passwortschutz der Daten und Weitergabe des notwendigen Passwortes über einen separaten Kanal (oder zumindest eine separate E-Mail)? Das wird im Artikel leider nicht klar, ist aber definitiv ein weiterer Punkt, der geklärt werden muss. Sollte dies nicht der Fall gewesen sein, dann haben wir neben den Vorgängen an sich auch noch ein massives Problem in den Prozessen und der Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeiter in Hinblick auf den Datenschutz.

Interessant wird die Lage zudem auch durch die Tatsache, dass zumindest heute ja mit e.V. und AG zwei Einheiten vorhanden sind, die im wechselseitigen Austausch stehen und deren Verhältnis in Bezug auf die Daten und die Zusammenarbeit auch untersucht werden muss. Ein Beispiel: Heute ist es so, dass die Mitgliederdaten zwar dem e.V. gehören, die Verwaltung dieser Daten aber in der AG stattfindet. Das war zum Zeitpunkt der im Kicker-Artikel beschriebenen Vorgänge tlw. noch nicht der Fall (Ausnahme: VfB-Forum, da nach Ausgliederung), stellt aber ggf. für die Aufklärung eine Verkomplizierung dar.

Ergänzend zur besseren Vorstellung der verschiedenen Vorgänge noch eine Übersicht als Zeitstrahl:

Der Zeitstrahl wird laufend fortgeführt (aktueller Stand: 06.10.2020)

Für all diese Vorgänge gibt es neben der sachlich, rechtlichen Ebene für mich als Mitglied aber auch eine moralische Dimension. Was soll ich von einem Verein halten, der in der dargestellten Art und Weise mit den Daten umgeht? Von der Geisteshaltung, die hinter diesen ganzen Vorgängen steckt? Von der Geringschätzung gegenüber den Mitgliedern und Fans, die mit diesem ganzen Themenkomplex offen zu Tage treten?

Ehrlich: Ich bin einfach (mal wieder) zutiefst Enttäuscht vom VfB. Sowas macht man einfach nicht! Für mich ist das ein klares Zeichen des fehlenden Respekts gegenüber den Mitgliedern. Und ein noch deutlicheres Zeichen dafür, dass von Seiten der heutigen VfB-Führung Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger die bestehenden Strukturen noch stärker hinterfragt werden müssen. Vogt und Hitzlsperger sind mit dem Ziel angetreten, beim VfB Dinge zu verändern. Es wird aber immer deutlicher, dass dies nicht gelingen kann, wenn nicht tiefgreifend vorgegangen und auch damit einhergehend auch Personalien in Frage gestellt werden. Glücklicherweise waren sowohl Präsident als auch Vorstandsvorsitzender zur Zeit der hier relevanten Vorgänge nicht im Amt und können so hoffentlich eine transparente Aufklärung stärker vorantreiben. Und mit der Art und Weise der auch ein deutliches Zeichen setzen! Nach außen, aber auch nach innen.

HINWEIS: Für die nächste Folge der NACHSPIELZEIT (zweite Oktoberhälfte) planen wir aktuell ein ausführliches Gespräch mit dem Kicker-Journalisten Benni Hofmann über seine Recherche!


Lennart hat für Rund um den Brustring einen offenen Brief zu diesem Thema geschrieben.

Auch der Vertikalpass befasst sich in einem Eintrag mit diesem Thema.

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