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Chancen und Risiken

Schon bei Drei90 habe ich Podcast gesagt, dass ich die Vorgänge und Entwicklungen rund um die Datenschutz-Affäre beim VfB im Blick behalten möchte. Dazu werde ich auch den Zeitstrahl fortführen, den ich bereits im letzten Artikel mit dem damaligen Stand eingebunden habe. Hier die aktuelle Version, auf einige Aspekte gehe ich dann näher ein:

Stand: 16.10.2020 (Klick für größere Ansicht)

Die Kanzlei

Claus Vogt hat mit der Aufklärung der im Raum stehenden Vorwürfe die Kanzlei „Esecon Legal Services GmbH“ beauftragt. Wie viel habe ich nach Bekanntwerden dieser Information erst mal Google bemüht und kaum etwas über diese Kanzlei gefunden. Was seltsam anmuten mag, ist in der betreffenden Branche aber wahrscheinlich nicht unüblich, schließlich leben Unternehmen wie Esecon auch von der absoluten Verschwiegenheit und da wird man in der Kommunikation nach Außen ebenfalls zurückhaltend sein. Auf Northdata ist zu erfahren, dass die beauftragte Gesellschaft erst im November 2019 gegründet wurde und die „Beratung und Vertretung in Rechtsangelegenheiten“ zum Gegenstand hat. Die Esecon ist mit der „Rubicon GmbH Strategie- und Unternehmensberatung“ des Direktor des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern Ingmar Weitemeier verbunden und scheint Vorgängerunternehmen nachzufolgen.

Definitiv richtig finde ich den Ansatz, eine Kanzlei zu beauftragen, die bisher nichts mit dem VfB zu tun hatte und auch nicht aus dessen (örtlichem) Umfeld kommt. Ob die Esecon-Gruppe in der Vergangenheit etwas mit dem Ankerinvestor zu tun hat, ist unbekannt. Gearbeitet hat man aber schon für den DFB um die Vorgänge rund um die Auftragsvergabe an Infront zu untersuchen. Dort war und ist man, wie mir in einem persönlichen Gespräch versichert wurde, sehr zufrieden mit der Arbeit der Kanzlei. Gleichzeitig gibt es aber Fragen, die möglicherweise ein zweifelhaftes Licht auf eben diesen Vorgang werfen und nun auch in Bezug auf die Beauftragung durch den VfB im Umfeld zu Diskussionen führen. Grundlage ist dieser Artikel in der Süddeutschen Zeitung, nachdem verschiedene Methoden und Arbeitsweisen bei der Aufklärung der DFB/Infront-Thematik in Zweifel gezogen werden. Deren Stichhaltigkeit und Hintergründe kann ich nicht beurteilen und enthalte mich daher einer Einordnung.

Soweit ich recherchieren konnte sind bisher tatsächlich nur drei Mandate der Kanzlei bzw. der Unternehmensgruppe einer breiteren Öffentlichkeit bekannt: der DFB, ganz aktuell der VfB und vor mehreren Jahren der MDR mit dem KIKA-Skandal. Reicht das schon aus, der Kanzlei die Eignung und Kompetenz abzusprechen, den Datenskandal beim VfB aufzurollen? Ich denke nicht und warte jetzt tatsächlich erst mal die Ergebnisse ab. Erst auf Basis derer, wird man sich dann (soweit von Außen möglich) ein abschließendes Bild machen können. Allerdings ist es bei solchen Vorgängen generell auch nicht unbedingt verwunderlich, dass von gewissen Seiten die Arbeit solcher Kanzleien kritisiert wird, schließlich gibt es ggf. Personen, die den Ergebnissen der Untersuchung nicht unbedingt positiv entgegensehen.

Ein letzter Punkt: Zumindest in Bezug auf das Mandat beim MDR kann man allerdings sagen, dass die Arbeit der Kanzlei sicher nicht ganz billig sein wird (im Fall KIKA hat man knapp 7 Millionen Euro bezahlt) und dies in der finanziell sowieso schon angespannten Situation eine weiter Belastung für den VfB sein wird. Von eventuell fälligen Strafzahlungen (der Landesbeauftragte für den Datenschutz Dr. Stefan Brink hat sich ja ebenfalls eingeschaltet) mal ganz abgesehen …

Lenkungsausschuss? Kontrollgremium!

Wurde in der ersten Stellungnahme von Claus Vogt noch ein Lenkungsausschuss angekündigt, so ist dann dessen Stelle nun ein Kontrollgremium getreten, dass aus folgenden Personen besteht:

  • Claus Vogt (Präsident e.V. und Aufsichtsratsvorsitzender AG)
  • Thomas Hitzlsperger (Vorstandsvorsitzender AG)
  • Rainer Adrion (Aufsichtsrat AG)
  • Marc Nicolai Schlecht (Vereinsbeirat e.V.)

Zunächst auffällig ist natürlich, dass nicht wie ursprünglich angekündigt Claudia Maintok und Rainer Weninger den Vereinsbeirat in diesem Gremium vertreten. Hier scheint zum Einen der Vereinsbeirat, wahrscheinlich in Person von Wolf-Dietrich Erhardt, voreilig vorgeprescht zu sein und zum anderen hat man wohl tatsächlich auf die vielfach von Extern geäußerte Kritik reagiert, die sich vor allem an der Person von Claudia Maintok entzündet hatte. Zu sehr war vielen noch in Erinnerung, mit welchem Engagement sie sich noch im Juli 2019 für Wolfgang Dietrich eingesetzt hatte (der als Präsident und AR-Vorsitzender durchaus auch seinen Anteil zumindest an der Nutzung der Mitgliederdaten haben dürfte). Mit Marc Nicolai Schlecht ist nun sicherlich insofern eine gute Wahl getroffen, als dass er erst nach allen Vorgängen zum Vereinsbeirat gewählt wurde und so keinerlei Historie mitbringt.

Der Vereinsbeirat als Gremium hat allerdings in dieser Sache erneut keine gute Figur abgegeben und man muss sich schon die Frage stellen, warum man hier in eine Kommunikation gegangen ist, die nicht unbedingt unter allen Beteiligten abgestimmt worden zu sein scheint.

Insgesamt finde ich das Kontrollgremium aber sowohl von den Personen als auch vom Umfang her gut besetzt. Ich hoffe, dass eine wirkliche Kontrolle ausgeübt und Einflüsse von Außen abgewehrt werden können.

Informationspolitik

In der Stuttgarter Zeitung erschien am 07. Oktober ein Artikel, in dem erstmals über die Beauftragung einer „Berliner Anwaltskanzlei“ und die Besetzung des Lenkungsausschusses berichtet wurde. Auf Twitter habe ich an diesem Tag einen Tweet geschrieben, der mir einiges an Diskussion eingebracht hat.

Um das klarzustellen: Ich erwarte NICHT, vom VfB tagesaktuell über alle Vorgänge informiert zu werden. Das macht nicht nur wenig Sinn, sondern steht mir als Außenstehendem auch gar nicht zu, denn schließlich geht es in der Hauptsache um Interna und persönliche Themen der Mitarbeiter*innen. Ich fand es aber nicht unbedingt vertrauensbildend, erst aus der Zeitung zu erfahren, wie der aktuelle Stand ist. Mutmaßlich geht es ja auch um meine Daten und da würde ich mir schon erwarten, dass ich als Betroffener so ausführlich und transparent wie möglich direkt vom VfB informiert werde. So, wie es dann am 13. Oktober geschehen ist (nebenbei: „Datenschutzthematik“ ist irgendwie ein komischer Begriff für die ganzen Vorgänge finde ich).

Chancen & Risiken

Die derzeitige Situation bietet für den VfB Chancen und Risiken zugleich. Die Risiken liegen auf der Hand: Es entsteht Unruhe im und um den Club, man wird in einer sowieso unsicheren Zeit ungeplante finanzielle Aufwendungen haben, das Vertrauen der Mitglieder in den VfB ist (zumindest bei manchen) gestört, die Außenwahrnehmung hat gelitten und wer weiß, was im Zuge der nun laufenden Untersuchungen noch alles zum Vorschein kommt. Spätestens mit dem Abschlußbericht von Esecon oder einer Äußerung des Landesbeauftragten für den Datenschutz wird man nochmal in der Öffentlichkeit stehen und kein gutes Bild abgeben.

Gleichzeitig erwachsen dem Club aus dieser ganzen Situation aber auch Chancen, die letztendlich sogar etwas Positives für den VfB bewirken könnten. Mit der Art der Untersuchung, der Aufbereitung der Ergebnisse und deren Kommunikation nach außen hat der VfB die Möglichkeit, Dinge richtig zu machen und so vielleicht sogar das Verhältnis zu den Mitgliedern zu stärken. Der Start war wie oben geschrieben holprig, die Chance besteht jedoch weiterhin. Noch wichtiger empfinde ich aber die Perspektiv, auf Basis der Erkenntnisse aus der Untersuchung, bestehende Strukturen zu hinterfragen, Prozesse neu zu denken und auch an den notwendigen Stellen Veränderungen im Personal vorzunehmen. Der VfB schleppt schon über viele, viele Jahre einen Ballast mit sich herum, der einmal mehr in der „Datenschutzthematik“ sichtbar wird, jetzt aber womöglich abgeworfen werden kann – und wenn schon nicht ganz, dann aber doch teilweise. Parallel mit der sowieso anstehenden Umstrukturierung in der AG, ergeben sich hier vielleicht wirklich neue Wege.


Abschließend noch ein paar persönliche Worte: Die aktuellen Vorgänge beim VfB sind mal wieder eine schwere Belastungsprobe für den Club, dessen Mitarbeiter*innen aber auch die Mitglieder und Fans. Es sind Dinge geschehen, die (datenschutz-) rechtlich aufgearbeitet werden müssen, aber auch auf moralischer Ebene einen Vertrauensbruch darstellen. Auch mich hat das Alles betroffen und wütend gemacht. Dennoch werde ich versuchen, die weiteren Vorgänge möglichst sachlich (und gleichzeitig weiter kritisch) zu begleiten und keine voreiligen, auf Halbwissen basierende Schlüsse ziehen oder gar Spekulationen verbreiten (sollte das nicht der Fall sein, dann bitte ich um Rückmeldung!). Das muss uns der VfB an sich, unabhängig von den beteiligten Personen und bei allem Ärger, wert sein.

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