NACHSPIELZEIT

Kaum noch Nebensache

Die Welt brennt: Im wörtlichen Sinne wie zuletzt in Australien oder in der Arktis zu beobachten, die Regenwälder zum Beispiel in Brasilien brennen schon viel zu lange. Und sind so ein Zeichen des Raubbaus, den wir Menschen an unserem Planeten begehen. Egal ob aus Unwissen, Bequemlichkeit, wirtschaftlichen Interessen oder Machtkalkül. Es ist der Mensch.

Die Welt brennt aber auch im übertragenen Sinne: In den USA werden immer wieder schwarze Amerikaner brutal ermordet (zuletzt sind die Fälle von George Floyd und Ahmaud Arbery weltweit bekannt geworden). Weltweit sind Frauen immer wieder Opfer von Repressionen und Benachteiligung. Einst demokratisch gewählte Staatsoberhäupter greifen nach diktatorischer Macht (Ungarn, Brasilien). Und in den USA sitzt im Weißen Haus ein rassistischer und sexistischer Narzisst, der Hass säht und eine Spaltung seines Landes zu seinen eigenen Gunsten (und die seiner vielen finanzkräftigen Unterstützer) vorantreibt.

Und eigentlich müssen wir gar nicht so weit schauen. In Deutschland werden Menschen aus rassistischen Motiven ermordet, es geschehen Anschläge auf Synagogen, rechte Netzwerke breiten sich aus, ein KSK-Beamter hortet Waffen, Munition und Sprengstoff.

All dies geschieht in den letzten Wochen zudem vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie, die große Teile unserer Gesellschaft auf eindrückliche Weise verändert hat. Die den persönlichen Umgang miteinander auf lange Zeit prägen wird, den Riss zwischen wissenschaftlichen Ansätzen und einfachen „Erklärungen“ aufzeigt und viele Menschen mit Sorge auf deren eigene Gesundheit und die der Angehörigen blicken lässt und nicht zuletzt auch oftmals eine wirtschaftliche Ungewissheit bedeutet.

Ich will an dieser Stelle offen sein: Mich macht das zunehmend fertig! Nimmt viel Platz in meinem Denken ein, lässt mich Dinge hinterfragen und raubt mir definitiv die Geduld für Manches. Mein Blick hat sich auf viele Themen verändert – und das nicht unbedingt zum Positiven.

Was haben nun diese Zeilen in einem Blog verloren, in dem überlichweise über den VfB Stuttgart und/oder den Fußball im allgemeinen geschrieben wird? Wo soll da der Zusammenhang sein?

Nun, mir ist in den letzten Woche klargeworden, dass für mich persönlich der Fußball immer weniger zur „schönsten Nebensache“ der Welt taugt und hinter Dinge zurückgetreten ist, die mir mittlerweile mehr bedeuten oder mich intensiver beschäftigen. Erst habe ich festgestellt, dass mir der Bundesliga-Fußball während der Corona-Pause eigentlich gar nicht gefehlt hat und nun sehe ich, dass die Liga in Form der Geisterspiele ein Format gewählt hat, dass mich in der Breite ganz und gar nicht packt (Ausnahme sind nur die Spiele des VfB, weil ich da noch emotional involviert bin). Dass die EM verschoben werden muss ist mir komplett gleichgültig und eigentlich freue ich mich vor allem auf den Moment, an dem Kinder endlich wieder selbst Fußball spielen können.

Das Bild des Profi-Fußballs hat über die vergangenen Monate hinweg bei mir große noch größere Risse bekommen. Mich stört gewaltig das Selbstbild, dass die DFL mit ihren Mitgliedern in der Öffentlichkeit aufgebaut hat um die eigenen wirtschaftlichen Interessen mit der Fortsetzung der Saision abzusichern (die Lobby-Arbeit scheint ja hervorragend zu funktionieren). Die Regelungen im Hygienekonzept sind für mich nur Blendwerk, dass der Politik eine möglichst einfache Zustimmung erlauben sollte und der Öffentlichkeit vorgaukelt, alles im Griff zu haben. Oder wie soll man das sehen, wenn die Spieler bei der Gedenkminute vor dem Spiel mit 1,5 Meter Abstand zueinander stehen müssen, beim Eckball aber schön im Strafraum kuscheln? Den Aussagen, man wolle sich dann aber auch wirklich mal darüber Gedanken machen, wie man den Fußball nachhaltiger gestalten könne, traue ich nicht weiter als ich mich selbst werfen könnte. Dass eine nicht geringe Zahl der Fußballvereine und AGs bei weitem nicht die großen Macher sind, als die sie sich immer wieder gerne selbst hinstellen, ringt mir nicht mal mehr ein müdes Lächeln ab. „Wir müssen den Verein wie ein Wirtschaftsunternehmen führen“ bedeutet oft wohl nur entsprechende Strukturen aufzubauen und Rechtsformen zu gründen, mit viel Geld zu hantieren und sich glänzend nach Außen zu darzustellen. Wenn es mal hart kommt, flüchtet man sich dann aber schnell wieder unter den rettenden Schutzschirm einer in sich geschlossenen Branche, in der tatsächlich nur ein pseudowirtschaftlicher Wettbewerb herrscht (wäre es anders, hätten wir uns nun von einigen Vereinen verabschieden müssen).

In der intensiven Vorbereitung auf unsere letzte NACHSPIELZEIT-Folge mit Ronny Blaschke zu dessen wunderbaren Buch „Machtspieler“ habe ich mir auch viele Gedanken darüber gemacht, in welche komfortablen Situation wir uns hier in großen Teilen Europas in Bezug auf den Fußball befinden. Welche lächerlichen Diskussionen wir hier in einem Elfenbeinturm führen (alles rund um den VAR fällt mir da zum Beispiel ein), während anderswo das Leben von Fußballspielerinnen und -spielern gefährdet ist, weil sie ihre Stimme gegen Mißstände im eigenen Land erheben. Ein Missverhältnis, dass mich traurig macht.

Tritt man aus der Fußball-Blase hinaus, wird es Schritt für Schritt noch schlimmer. Menschen basteln sich eigene hanebüchene Theorien und gleiten zunehmend in eigenen Welten ab, manche lassen sich von Verschwörungstheoretikern einfangen und indoktrinieren. Gleichzeitig macht sich in den sozialen Medien eine Horde von Menschen lustig darüber und sonnt sich in der eigenen (gefühlten) Überlegenheit (dieses Verhalten unterschiedlicher Gruppen kann man mittlerweile leider auf so ziemlich jeden Sachverhalt anwenden). Und so wird die Stimmung immer toxischer, aufgeladen von Wut und Unverständnis bis hin zur Gewalt. Das daraus entstehende Klima birgt viele Gefahren und wir sollten uns hier in Deutschland nicht zu sicher sein, dass Dinge wie zum Beispiel in den USA in der ein oder anderen Form nicht auch hier passieren könnten.

Der Fußball war früher mehr Eskapismus. In seiner aktuellen Form taugt er für mich nicht mal mehr zur „schönsten Nebensache der Welt“.


Wer die Folge mit Ronny Blaschke noch nicht gehört hat, sollte dies unbedingt hier nachholen:

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