NACHSPIELZEIT

Es reicht!

Was wir aktuell in Bezug auf die Vereinspolitik beim VfB Stuttgart erleben ist für viele Mitglieder:innen und Fans des Vereins anstrengend und desillusionierend, letztendlich aber auch nur ein weiteres Symptom einer Entwicklung im Profifußball, die schon eine ganze Weile läuft. Egal ob wir nach Mainz, Köln oder Hamburg schauen, überall geraten die Mitgliederinteressen immer mehr unter Druck und sollen möglichst weit in den Hintergrund gedrängt werden. Wahrscheinlich heißt die Liste der Mitglieder in vielen Clubs sowieso schon „Kundendatenbank“ und die Mitglieder werden nach ihrem „Customer Lifetime Value“ eingeordnet.

Umso wichtiger ist es, dass wir als Mitglieder unsere Rechte wahrnehmen und uns überall dort im Verein engagieren, wo dies möglich ist. Mich haben in den letzten Wochen viele Nachrichten und Mails mit Rückfragen und Ideen zur Satzung des VfB erreicht. Und auch, wenn ich sicherlich keine Experte im Vereinsrecht bin und keine juristische Ausbildung genossen haben, so habe ich versucht im Rahmen meiner eingeschränkten Möglichkeiten Rückmeldung zu geben. Am meisten hat mich gefreut, dass sich viele Menschen nun Gedanken über die Satzung und deren vielen Lücken machen. Und die definierten Möglichkeiten nutzen, auch wenn uns diese im Moment in einigen Aspekten als unzureichend erscheinen mögen. Unzureichend, weil wir nur über viele Umwege etwas Einfluss haben (AG) oder manche Dinge stark verzögert greifen (z.B. Abwahlanträge). Und das in einer Situation, die für den VfB und seine Fans und Mitglieder historisch ist. Historisch, weil sich uns vielleicht zum letzten Mal die Chance bietet, gewisse Entwicklungen aufzuhalten oder doch zumindest so zu beeinflussen, dass dies weiter im Sinne der Mitglieder und nicht von externen Anteilseignern ist.

Bisher haben wir bei der VfB AG mit Daimler nur einen externen Anteilseigner, der gerade mal 11,75 % der Anteile besitzt, sich aber in Person von Wilfried Porth schon von jeher aufführt wie der große Zampano. Jener Porth, der ob seiner Methoden als Personalvorstand als „Wolf im Schafspelz“ bezeichnet und mit dem Prädikat „unwürdig“ versehen wurde oder wegen seiner rustikalen Vorgehensweise auch schon als „Mann für Grobe“ betitelt worden ist. Davon wird auch Guido Buchwald ein Lied singen können, nachdem er vom Daimler-Mann in der Öffentlichkeit des Business-Bereichs im Stadion lautstark angegangen wurde. Und nach allem, was man so hört, scheint sich Porth aktuell auch im Aufsichtsrat weiter in der gewohnten Weise auszuleben und gewisse Personen eine gewisse Person massivst anzugehen. Man kann sich fragen, ob Daimler und dessen Vorstandsvorsitzender Ola Källenius (der sich leider zu wenig für Fußball und insbesondere den VfB zu interessieren scheint) wirklich mit so einer katastrophalen Außendarstellung zufrieden sein können, aber dann fällt einem ein, dass Porth ja offensichtlich auch im Konzern kaum infrage gestellt wird (na gut vielleicht bis auf die Sache mit der Van-Sparte, einem „Desaster der X-Klasse„). „Wo Van-Vorstand Wilfried Porth mitmischt, geht es schief“ schreibt das Manager Magazin und findet damit auch eine prägnante Zusammenfassung seines Wirkens beim VfB. Das Porth nun eine der treibenden Kräfte hinter der Kampagne gegen Claus Vogt ist verwundert dennoch kaum, den Status quo zu verlieren muss eine unerträgliche Vorstellung für den Machtmenschen Porth sein. Immer verzweifelter werden da die Methoden, sogar Fanclubs sollen von im „eingenorded“ werden, damit diese auf gar keinen Fall Claus Vogt unterstützen. So ganz scheint dies aber nicht zu funktionieren, immerhin haben sich schon mehr als 120 Fanclubs zumindest für eine Verschiebung der MV ausgesprochen, was ja ebenfalls nicht der Vorstellung von Wilfried Porth entsprechen soll. Und auch mit der Ablösung Vogts als Aufsichtsratsvorsitzenden und der Beauftragung einer dem VfB und Daimler traditionell nahestehenden Kanzlei zur Bewertung des Esecon-Untersuchungsberichtes scheint er nicht so richtig voranzukommen. Schwere Zeiten für ihn, aber wenigstens freuen sich vielleicht ein paar Leute beim Daimler, dass er gerade anderweitig so viel zu tun hat. Ich hoffe allerdings, dass Daimler möglichst bald eine andere Person findet, die mit mehr Empathie und Menschlichkeit ausgestattet

Aber schauen wir doch mal ein paar Büros weiter in die VfB Stuttgart 1893 AG. Auch dort sitzen Herren, deren Wirken und Handeln dringend hinterfragt werden müssen. Fangen wir bei den Vorständen Röttgermann und Heim an. Beide bekleiden ihre Funktionen schon lange beim VfB und haben es sich vermutlich auch so richtig gemütlich gemacht auf ihrem Posten. Der eine malt gerne das sprachlich Bilde vom „Haus VfB“ und versucht sich als Stand-up-Comedian auf der MV, der andere ergötzt sich in den erreichten Kennzahlen seiner Marketingkampagnen und vergisst dabei, dass der Fußball auch ein emotionales Produkt jenseits schnöder KPIs ist. Auf jeden Fall waren beide Vorstände schon in Amt und Würden, als der Begriff „Guerilla-Marketing“ beim VfB Einzug hielt und Kampagnen nicht nur geplant, sondern auch bezahlt werden mussten. Ist es wirklich vorstellbar, dass beide davon nichts wussten? Mir fehlt dazu die Fantasie, den „Wissen ist Macht“ und gut informiert zu sein ist beim VfB wohl schon immer essenziell gewesen. Aber wagen wir das Gedankenexperiment und stellen uns vor, dass an der ganzen Datenaffäre nur ein kleiner, sinistrer Kreis beteiligt war, der ganz ohne Wissen des Managements geplant, kreiert und Rechnungen bezahlt hat. Dann muss ich mir allerdings die Frage stellen, inwieweit dieses Management dann tatsächlich in der Lage ist dessen Aufgaben wahrzunehmen, wenn man nicht mal weiß, was im eigenen Unternehmen so abläuft. Zudem wäre auch zu überlegen, ab wann eine „schuldhafte Pflichtverletzung“ vorliegt, denn die Weitergabe von Mitglieder- und Forumsnutzer-Daten gegen deren Willen an Dritte, könnte man bei allem unternehmerischen Handlungsspielraum durchaus als Verstoß gegen die in der „Branche anerkannten Erkenntnisse und Erfahrungsgrundsätze“ interpretieren (schließlich bezieht sich der Datenschutz – vor und nach Inkrafttreten der DSGVO – auf alle Branchen). Sollte jetzt auch noch wie in einem in der Presse dargestellten Zwischenbericht der Esecon drinstehen, dass beide wenig Interesse für die Aufklärung der Datenaffäre zeigen (oder diese sogar aktiv verschleppt hätten), dann fällt mir kaum ein Grund ein, warum beide nicht zu ihrem eigenen Schutz (so sagt man das doch beim VfB?) freigestellt wurden. Jahrelang gesammeltes Wissen und gute Vernetzung halten beide wahrscheinlich noch auf ihren gut dotierten Posten. Vielleicht hilft dagegen der Bericht des Landesbeauftragten für den Datenschutz, der „erhebliche“ Datenschutzverstöße festgestellt hat und ein Bußgeldverfahren einleitet.

Nun sind die beiden Vorstände in der AG nicht die einzigen Personen, die in dieser Sache ins Blickfeld geraten sind. Zwei wurden ja direkt nach der Veröffentlichung des Kicker-Artikel freigestellt, andere wurden im Zuge der Ermittlungen der Esecon befragt. Die Ermittler sind dabei aber auf eine „Mauer des Schweigens“ gestoßen, bis auf eine Person sei die Zusammenarbeit mit dem PR-Berater Schlittenhardt niemandem bekannt gewesen. Auch nicht Herrn Mutschler, der in leitender Funktion im NLZ tätig und Mitglied des Präsidiums ist und im Rahmen der Ausgliederung die Leitung des Projektes „Perspektive VfB“ innehatte. Auf jeden Fall ist er einer derjenigen, die in Organen des VfB sitzen und auf die Untersuchung laut Zeitungsbericht „nachhaltig Einfluss genommen [haben] bzw. nehmen können“. Mit ihm zusammen im Präsidium sitzt weiterhin Dr. Bernd Gaiser, der nicht nur durch flammende Verteidigungsreden für Wolfgang Dietrich aufgefallen ist, sondern als Interimspräsident vor der Wahl Claus Vogts vielleicht sogar noch mehr Einblick in die Vorgänge beim VfB hatte und in dieser Position den Mitgliedern gegenüber vollmundige Versprechend gemacht hat, die er nun ohne zu zögern brechen wollte. Dennoch scheint auch er der Esecon gegenüber wenig auskunftsfreudig gewesen zu sein und arbeitet zusammen mit Mutschler lieber daran, die Mitgliederversammlung wieder aller Interessen der Mitglieder durchzudrücken. Immerhin ist dies wahrscheinlich die vorletzte Möglichkeit, vier weitere Jahre Claus Vogt zu verhindern. Sollte vorher der Vereinsbeirat tatsächlich den amtierenden Präsidenten nicht nominieren, könnten sich die Herrschaften zumindest kurz mal einigermaßen entspannt zurücklehnen. Das Ende der Fahnenstange wäre damit allerdings noch lange nicht erreicht.

Richtig stressige Tage hat aktuell auch der oben erwähnte Vereinsbeirat. Während die einen an einer möglichst eleganten Lösung des „Problems“ Vogt arbeiten, kämpfen andere für einen fairen Umgang mit dem Präsidenten. Und dann soll es noch vereinzelt Personen geben, die vor einer Nominierung der Präsidentschaftskandidat:innen noch nicht zu einer abschließenden Einschätzung der Gesamtlage kommen konnten. Weshalb eigentlich? Will man den Esecon-Bericht abwarten? Wenn ja: warum? In dem nun laufenden Richtungsstreit wird dieser Bericht keine entscheidende Rolle für oder gegen eine Nominierung von Claus Vogt spielen. Vogt war zum Zeitpunkt der Datenaffäre nicht im Amt, seine Position wird sich also auch mit dem Ergebnis nicht ändern. Der Vereinsbeirat ist in seiner aktuellen Besetzung sowieso ein Auslaufmodell, noch in diesem Jahr stehen die Neuwahlen an. Wenn man sich den Umgang mit der aktuellen Situation anschaut, kann man nur sagen: Zum Glück! Weder stellt man sich nach Angriffen auf den gewählten Präsidenten des e.V. an dessen Seite, noch lehnt man die Bewerbung Thomas Hitzlspergers umgehend ab (immerhin widersprach diese den oben genannten Versprechungen Gaisers), sondern gibt lieber Geld für rechtliche Prüfungen und Unterstützung bei der Suche nach weiteren Kandidaten aus. Welche Interessen meinen den eigentlich manche Mitglieder dieses Vereins(!)organs zu vertreten? Das von Aufsichtsräten und Vorständen der AG? Das eigene Interesse? Auf jeden Fall nicht das Interesse einer breiten Mehrheit derjenigen Mitglieder, die Claus Vogt im Dezember 2019 bei einer Wahl unter zwei guten Kandidaten zu ihrem Präsidenten gewählt haben.

Für mich muss Claus Vogt die Möglichkeit haben, sich dem Votum der Mitglieder zu stellen und dort für seine bisherige Arbeit bestätigt oder eben abgewählt werden. Wenn wir Mitglieder dazu noch eine weitere kompetente Person zur Wahl gestellt bekommen, ist das im Sinne einer demokratischen Wahl umso besser. Aber: Das muss die Entscheidung des obersten Vereinsorgans, der Mitgliederversammlung, sein. Der Vereinsbeirat hat die ihm laut Satzung zustehende Aufgabe auf jeden Fall zumindest auf moralischer Ebene verspielt.

Und so kommen wir am Ende wieder darauf zurück, worüber ich eingangs gesprochen habe. Egal ob man in Köln einen Pressesprecher einstellen und damit auf Konfrontation mit den organisierten Fans (die sich zum Glück nun erfolgreich gewehrt haben) gehen wollte, in Mainz Bewerber:innen für den Aufsichtsrat plötzlich nicht mehr aufgestellt werden (und dabei nicht mal alle möglichen Plätze für Kandidat:innen vergeben sind) oder in Hamburg digitale Intrigen einen Richtungsstreit eskalieren lassen. Immer sind die Fans und Mitglieder am Ende diejenigen, auf deren Interessen (so breit sie auch gefächert sein mögen) am wenigsten Rücksicht genommen wird.

Beim VfB schaue ich mir dieses Trauerspiel schon seit Jahren an (2020 war da zumindest nach außen eine angenehme Unterbrechung) und mir reicht es jetzt! Sollten sich die alteingesessenen Seilschaften ein weiteres Mal aus der Schlinge ziehen können, sollte die Datenaffäre nicht rundum transparent aufgeklärt werden und Gremien und Organe komplett mit willfährigen Daimler-Marionetten besetzt werden, dann werde zumindest ich mich von dem VfB verabschieden müssen, dessen Fan und Mitglied ich schon so lange bin. Weil der VfB für mich mehr ist als nur ein Tabellenplatz oder eine Unternehmensbilanz. Er ist für mich auch ein Stück weit emotionale Heimat und Verbundenheit, ja manchmal auch Quell eines gewissen Stolzes. Wenn das fehlt, bleibt für mich einfach zu wenig über.

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