NACHSPIELZEIT

Strukturschwäche

Mitglieder, Fans und Beobachter des VfB Stuttgart reiben sich in den letzten Wochen verwundert die Augen ob der für die Öffentlichkeit überraschend ausgebrochenen Führungskrise im Club an der Mercedesstraße. Können nicht umfänglich nachvollziehen, was die verschiedenen Protagonisten zu ihrem Handeln treibt und wie viel Substanz hinter den vor allem in Richtung Vogts geäußerten Vorwürfen steckt. So geht es weitgehend auch mir, oftmals bleiben nur Spekulationen. In diesem Beitrag möchte ich dennoch versuchen, einen bisher noch nicht breiter diskutierten Erklärungsansatz zu finden und unter anderem auch aufzeigen, warum die Amtszeit Wolfgang Dietrichs noch heute beim VfB negativ nachwirkt. Außerdem widme ich mich einem der in den Diskussionen zu meinem Antrag meist genannten Gegenargumente.

Wie nun bereits zu verschiedenen Gelegenheiten betont, soll mein Antrag auf Satzungsänderung eines der Defizite der Satzung begeben, die seinerzeit im Rahmen des Ausgliederung umfangreich angepasst wurde. Damals wurde vor allem der Tatsache Rechnung getragen, dass in der neuen Struktur nicht nur Veränderungen der Organe im e.V. gab, sondern auch gewisse Zuständigkeiten in die AG verlagert wurden. Meiner Meinung nach hat man dies damals aber nicht sauber umgesetzt und ist bei einigen Aspekten davon ausgegangen, dass das schon laufen wird, wie man das in der damaligen Konstellation geplant hatte (die Möglichkeit, dass die Satzung ganz bewusst mit ihren Schwächen so gestaltet wurde, möchte ich mir gar nicht vorstellen). Insbesondere die Person Wolfgang Dietrich ist hier insofern zu erwähnen, als er seine Ämter deutlich anders interpretiert und ausgefüllt hat, als es heute der Fall ist. Und so ist es zumindest meine Theorie, dass die Ämterführung Dietrichs noch bis heute ihren Spuren und sein Rücktritt ein noch nicht vollständig gefülltes Vakuum hinterlassen hat.

Das Wirken Wolfgang Dietrichs innerhalb des VfB war überwiegend auf einen alleinigen Führungsanspruch ausgelegt, den er in vielen Aspekten auch durchsetzen konnte. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang nur an die vielen (kolportierten) einstimmigen Entscheidungen in den Gremien. Dies hat aber auch dazu geführt, dass der VfB in dieser Zeit auf eine gewisse Art und Weise „funktioniert“ hat und zumindest die jetzt vorhandenen Unwuchten nicht zutage getreten sind. Unschärfen in der Satzung kamen nicht zum Tragen und auch im Tagesgeschäft wird es weniger Auseinandersetzungen gegeben haben, wie wir sie aktuell erleben: Dietrichs Wort war Gesetz. Dass dem heute nicht mehr so zu sein scheint, ist auf der einen Seite eine gute Sache, denn genau so etwas wollten viele Mitglieder ja nicht mehr haben. Auf der anderen Seite hat es der VfB in den knapp 1,5 Jahren aber auch ganz offensichtlich nicht geschafft, wo notwendig nachzuschärfen und Zuständigkeiten konkret zu klären. Das muss zum einen in allen rechtlichen Dokumenten verankert sein (zum Beispiel den Satzungen von e.V. und AG) und zum anderen muss das aber auch in die Köpfe aller beim Club Tätigen. Solange beides nicht geschieht, wird es – vollkommen unabhängig von Personen – immer wieder zu Unstimmigkeiten kommen. Und so hat Wolfgang Dietrich nicht nur ein unausgegorenes Satzungswerk hinterlassen, sondern auch durch seine Amtsführung (wenn auch ungewollt) verhindert, dass die Schwächen in der Struktur früher zutage treten konnten. Seine Nachfolger müssen sich jetzt damit rumschlagen.

Die aktuelle Situation komplett Wolfgang Dietrich anlasten zu wollen, wäre allerdings sicherlich nicht richtig und soll auch nicht die Kernaussage dieses Eintrages sein. Vielleicht kommen Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger rein zwischenmenschlich nicht miteinander klar und haben daher auch Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit. Es ist ja nun auch nicht so, dass Kollegen immer die besten Freunde sein müssen, aber zumindest auf der rein professionellen Ebene sollte eine Zusammenarbeit immer möglich sein. Das funktioniert in der Regel auch dann besser, wenn es Leitplanken in Form klar definierter Strukturen und Zuständigkeiten gibt und man nicht Zeit und Energie auf das Abstecken der eigenen Claims verwenden muss. Diese Strukturen müssen sowohl im Rahmen des Möglichen, zum Beispiel in den Satzungen, geschaffen werden, aber auch gleichwertig im Innenverhältnis aller Beteiligten. Dazu muss das alles vollkommen unabhängig von Personen funktionieren! Das ist die Aufgabe, auf die sich alle beim VfB mit vollem Eifer stürzen sollten.


Ich möchte an dieser Stelle noch auf ein Argument eingehen, dass mich in der Zwischenzeit häufiger erreicht hat. Es geht um den Ansatz, dass die Vereinigung der Ämter Präsident und Vorstandsvorsitzender auf eine Person doch die Rechte der Mitglieder besonders stärken würden, weil man so jemanden hätte, der dann sowohl im e.V. als auch der AG den Durchgriff hat. Dieser Ansatz klingt sicherlich verlockend, greift aber meiner Auffassung nach zu kurz und blendet ein paar Aspekte aus:

  1. Ganz zuvorderst entspricht es nicht dem Demokratieverständnis, wenn eine Person zu viele Ämter auf sich vereinigt. Das gilt für die Politik wie auch einen Verein. Demokratie ist auch immer der Wettstreit von Ideen, dazu müssen diese aber auch gleiche Chancen haben. Das geht nicht, wenn am Ende nur eine Person entscheidet und im Zweifel eigene Vorstellungen durchsetzen will und auch kann.
  2. Man muss die Struktur beim VfB völlig unabhängig von Personen betrachten und immer damit rechnen, dass die nächste starke Figur nicht unbedingt die (früheren) Sympathiewerte eines Thomas Hitzlspergers hat, sondern zum Beispiel eher wie ein Martin Kind daherkommt. Der Club muss also so aufgestellt werden, dass er in Zukunft klar definierte Rollen und Zuständigkeiten hat, die den dann jeweils tätigen Protagonist:innen Möglichkeiten aber auch Einschränkungen deutlich aufzeigen.
  3. Interessenkonflikte werden sich in der Konstellation „Präsident = Vorstandsvorsitzender“ nie wirklich vermeiden lassen. Das ist bis zu einem gewissen Grade menschlich und nachvollziehbar, dazu kann aber auch jederzeit ein Kalkül kommen, wenn bestimmte Dinge eben entsprechend priorisiert und durchgesetzt werden. Dem kann man mit einer sauberen Struktur einfach entgegentreten und nimmt so von Anfang an den Druck aus der Problematik sich eventuell widersprechender Interessen.
  4. Der Präsident des e.V. und Vorsitzender des Aufsichtsrates sollte seine Aufgaben sehr weitgehend unabhängig vom sportlichen Erfolg ausüben könne. Das war vor der Ausgliederung anders, weil der Präsident in der Konstellation fast „allmächtig“ war, hier hat die Ausgliederung aber tatsächlich auch mal etwas Gutes. Zu den Aufgaben des Aufsichtsrates gehört die Berufung, aber auch die Abberufung des Vorstandes, insbesondere des Vorstandsvorsitzenden. Wir wissen aus eigenem Erleben, dass Fußballvereine oftmals Aufgaben und Ämter nicht für die Ewigkeit vergeben und insbesondere der sportliche Bereich sehr volatil ist. Wenn sich aber irgendwann der Aufsichtsrat zum Handeln gezwungen sieht und eine personelle Veränderung anstrebt, soll dann die betroffene Person in ihrer Rolle als Präsident über die eigene Entlassung mitbestimmen? Nun wird das Argument kommen, dass der Präsident/Vorstandsvorsitzende ja nicht den Vorsitz im Aufsichtsrat führen darf. Das stimmt, aber ganz ehrlich, machen wir uns doch nichts vor: Wie würden wohl im Präsidium, in dem er natürlich weiterhin tätig wäre (inklusive der einen Stimme mehr bei Stimmengleichheit), die Diskussionen ablaufen? Würde sich der Präsident da herausnehmen? Oder müsste man ihn dann sogar übergehen? Ungeklärte Fragen, auf die man es gar nicht ankommen lassen sollte.
  5. Und ganz nebenbei: In der aktuell möglichen Konstellation mit Thomas Hitzlsperger wäre im hypothetischen Fall einer Entlassung gleich der ganze Club führungslos und es müssten alle vakanten Positionen in solch einer Phase nachbesetzt werden. Auch dies möchte ich mir gar nicht vorstellen (ich denke da nur mit Grausen an die Verpflichtung von Luhukay durch die Finanz- und Marketing-Vorstände zurück, wo es so gar nicht funktioniert hat).

Zuletzt sei noch kurz auf das Argument eingegangen, dass sportlich alles in sich zusammenfallen würde, wenn Hitzlsperger den VfB verlassen sollte. Genau damit wurde Sven Mislintat am Sonntag in einer Fernsehsendung auf Sport1 konfrontiert und er hat in seiner Antwort klar formuliert, dass für ihn der sportliche Weg nicht von einer Person abhängig ist. Zudem hat er sich in seinem jüngst verlängerten Vertrag einige Kompetenzen schriftlich zusichern lassen, die ihm auch in anderen Konstellationen ermöglichen, die Arbeit nach seinen Vorstellungen fortzusetzen. Auch dies sollte dafür sorgen, die aktuelle Situation frei von solchen Drohkulissen bewerten zu können.

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