NACHSPIELZEIT

Gedankenspiele

Am gestrigen 18. Dezember lief die Frist für eine Bewerbung als Präsident:in des VfB Stuttgart ab. Noch wissen wir Mitglieder nicht, wie viele Bewerbungen eingegangen sind, noch wer dann tatsächlich zur Wahl zugelassen wird. Nachdem es nun schon etwas Wirbel um einen Bild-Artikel und dessen mögliche Hintergründe gab, möchte ich heute ein paar Gedankenspiele anstellen.

Claus Vogt ist durchaus bei der Mehrheit der Mitglieder und Fans des VfB beliebt und alle gehen wie selbstverständlich davon aus, dass er wieder zur Wahl aufgestellt und dann auch gewählt wird. Und dennoch – und das sollte man nicht übersehen – besteht natürlich absolut die Möglichkeit, dass er vom Vereinsbeirat nicht mehr berücksichtigt wird. Schließlich ist auch der der amtierende Präsident laut Satzung vor einer Wahl wieder als ganz normaler Bewerber zu behandeln. Würde dieser Fall eintreten, was ließe sich daraus folgern?

Zuallererst wäre damit natürlich deutlich, dass eine Mehrheit des Vereinsbeirates nicht mit der bisherigen Arbeit von Claus Vogt zufrieden ist und auch keine Chance sieht, dass in einer weiteren Amtszeit eine Verbesserung eintritt. Wenn ich gerade von der Mehrheit schreiben könnte dies übrigens laut Satzung durchaus auch nur die Stimme des Vereinsbeiratsvorsitzenden sein, da diese Stimme bei einem Gleichstand entscheidet (und aktuell sind es ja nur 8 Vereinsbeirät:innen). Leider würden wir das in diesem Fall nie konkret erfahren, da es bei einer Nichtberücksichtigung keine Begründung vom Vereinsbeirat geben muss. Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass es hier konkrete sachliche Themen gibt, die gegen eine erneute Nominierung sprechen würden. Ja, manches konnte wahrscheinlich nicht so umgesetzt werden, wie es sich Claus Vogt und der Verein insgesamt vorgestellt hatten. Corona hat in diesem Jahr aber eben vieles durcheinandergebracht, das kann man ihm dann nicht unbedingt anlasten. Meiner Meinung nach hat der Präsident aber an andere Stelle ein extrem wichtiges Ziel erreicht: Er hat den VfB wieder nahbarer gemacht und gibt gemeinsam mit Thomas Hitzlsperger dem Club wieder ein Gesicht, dass bei der Anhängerschaft aber auch deutschlandweit sehr positiv wahrgenommen wird.

Sollten es keine inhaltlichen Themen sein, dann muss es zwangsläufig um (Macht-) Politik gehen. Der schon erwähnte Bild-Artikel lässt ja gewisse Vermutungen aufkommen (war es ein platzierter Gefälligkeitsartikel?) und diese wären wohl zu 100% bestätigt, wenn Claus Vogt nicht erneut nominiert werden würde. Dass es Personen oder Gruppen beim VfB gibt, die sich mit aller Macht gegen den Wandel stemmen und in Claus Vogt jene Person identifiziert haben, die genau diesen Wandel vorantreiben will, sollte kein allzu großes Geheimnis sein. Personen, die zum Beispiel nicht wollen, dass im Aufsichtsrat der Anteilseigner und der Trikotsponsor tatsächlich nur das ihnen zugedachte Stimmrecht ausüben können und nicht einfach schalten und walten wie sie wollen (der e.V. hält schließlich die Mehrheit der Stimmanteile in der AG). Oder dass die Arbeit langjährig verantwortliche Personen im Verein und der AG plötzlich auch mal kritisch hinterfragt werden. Zum Wandel könnte auch gehören, dass es zukünftig nicht mehr zu möglichen Interessenkonflikten im Präsidium kommen kann (z.B. wenn man bei der AG angestellt ist und gleichzeitig im Präsidium des e.V. tätig ist). Und ganz am Ende passt es vielleicht manchem oder mancher auch nicht, dass Claus Vogt einfach bei Fans und Mitgliedern so beliebt ist (Neid war schon immer eine starke Triebfeder). Auf jeden Fall kann ich mir viele Szenarien vorstellen, in denen gegen den aktuellen Präsidenten gearbeitet wird und mit aller Macht eine weiter Amtszeit verhindert werden soll.

Nun werden einige sagen: „Das können die nicht machen“ oder „Das werden sie sich nicht trauen“. Ich bin da nicht so sicher. Der Erhalt der eigenen Position, der herausgehobenen Stellung mit allen Vorteilen oder auch wirtschaftliche Interessen können sehr, sehr starke Motivationen sein. Und schließlich hat es auch schon in der Vergangenheit hervorragend funktioniert, Dinge einfach auszusitzen und darauf zu warten, dass der Sturm der Empörung wieder abflaut. Diejenigen, die in ihre Ämter gewählt werden müssen gehen sicherlich ein größeres Risiko ein, ein Aufsichtsrat zum Beispiel kann sich daher eher entspannt zurücklehnen.

Der Vereinsbeirat wurde bei den Umstrukturierungen im Rahmen der Ausgliederung als Gremium installiert (oder uns zumindest so verkauft), über das man den Mitgliedern weiterhin eine Form der Mitsprache bieten wollte. Die Vereinsbeiräte sind also meinem Verständnis nach die Stellvertreter:innen der Mitglieder und haben somit auch deren Interessen zu berücksichtigen. In diesem Fall sollten sich also alle Personen des Vereinsbeirates im Klaren darüber sein, was die Mitglieder tatsächlich wollen. Und in dem Ausschnitt, den ich überblicken kann (durchaus über die Social Media-Blase hinaus), ist dies mit ganz überwältigender Mehrheit eine weitere Amtszeit von Claus Vogt.

Auffällig ist zudem aber auch, dass es in den letzten beiden Tagen zwei Attacken gegen Claus Vogt gab, die beide über Print-Publikationen lanciert wurden (hat ja auch über Jahre und Jahrzehnte funktioniert). Beide Artikel folgen dabei demselben Muster: Möglichst viel Dreck an die Wand werfen und schauen was kleben bleibt. Da wird Claus Vogt persönlich angegangen (mischt sich ein, ist aber gleichzeitig entscheidungsschwach, ist ein „Leichtgewicht“, inszeniert sich dauernd selbst etc.) und gleichzeitig wird versucht, einen Keil zwischen die beiden derzeit beliebtesten Repräsentanten des VfB zu treiben. Viele der geäußerten Vorwürfe lassen sich meiner Meinung nach auch ganz anders interpretieren: Denn vielleicht ist dort tatsächlich jemand, der seine Aufgabe so wahrnimmt, wie sie gemäß Satzung und internen Verträgen vorgesehen ist (in dem man als Aufsichtsratsvorsitzender zum Beispiel tatsächlich die Aufsicht über die Belange der AG führt) und der seine Aufgabe aber auch zum Wohle des VfB interpretiert und keine Schachfigur ist, die von den „Schwergewichten“ nach Belieben verschoben wird. Der Präsident und AR-Vorsitzende hat nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht seine Stimme zu erheben, wenn er Dinge sieht, die nochmal genauer betrachtet werden müssen. Das können schnöde Vertragsverhandlungen mit leitenden Angestellten der AG sein oder natürlich als prominentestes Beispiel die Aufklärung der Datenschutz-Affäre (die nebenbei manchen dem Vernehmen nach so viel Unbehagen bereitet, dass man die beauftragte Kanzlei am liebsten loswerden will). Auf jeden Fall erwarte diese Aufsicht ganz personenunabhängig von jeder/jedem, die/der dem VfB vorsteht.

Nun ist dieser Eintrag nicht umsonst mit „Gedankenspiele“ überschrieben, denn letztendlich ist dieser Text genau das und daher bewusst mit vielen Konjunktiven versehen. Vielleicht löst sich am Ende auch alles ganz einfach in Wohlgefallen auf, in dem dann Claus Vogt und ggf. eine weitere Person zur Wahl stehen. Ich finde es dennoch äußerst wichtig, sich als Mitglied einfach darüber bewusst zu sein, dass aller Erwartungen zum Trotz am Ende doch wieder der „alte VfB“ die Muskeln spielen lassen könnte und alles dafür tuen würde, langjährig Etabliertes zu bewahren. Sollte dies dann der Fall sein, dann wäre es an uns Mitgliedern, die Möglichkeiten der Satzung voll auszuschöpfen.

Wichtig ist auch zu sagen, dass man an dieser Stelle einen genauen Blick auf die jeweils handelnden Personen werfen sollte. Es ist nicht „der Vereinsbeirat“ oder „das Präsidium“, nein es sind die Individuen, aus denen die Gremien bestehen. Jede Person hat ihre eigene Motivation, eigene Ziele und eigene Vorstellungen. Dass es da manchmal zu konträren Diskussionen kommen kann ist normal und im Sinne der besten Lösung und bei absoluter Sachlichkeit auch zu begrüßen. Kritisch wird es immer dann, wenn eigene Interessen über die des Clubs gestellt werden.

Als Mitglied würde ich daher gerne nun kurzfristig nach Ablauf der Bewerbungsfrist erfahren, wieviele Bewerber:innen es gibt, die die notwendigen Voraussetzungen erfüllen. Ich denke mal, dass dies auch mit der durchzuführenden Prüfung der Unterlagen noch vor Weihnachten möglich sein sollte. Spätestens Anfang Januar sollten dann die beiden Kandidat:innen vorgestellt werden. Ich hoffe doch, dass der Vereinsbeirat hier im Sinne einer vollständigen Transparenz in ungefähr diesem Zeitrahmen aktiv wird und den Mitgliedern diese wichtigen Informationen kurzfristig zur Verfügung stellt.

Dieses Thema ist nicht nur mir wichtig. Hier gibt es weitere Texte:
Vertikalpass: Präsident auf Abruf?
Rund um den Brustring – Obacht!
Stuttgart International – Der Heckenschütze
Spiegel – Schön nur auf dem Platz
Auch in der aktuellen Folge der NACHSPIELZEIT haben wir uns dieses Themas angenommen


Disclaimer: Ich will an dieser Stelle offen mit der Tatsache umgehen, dass ich Claus Vogt im Dezember 2019 gewählt habe und auch bei der nächsten Präsidentenwahl für ihn stimmen werde (sofern er denn nominiert wird). Dennoch ist es mir vor allem im Sinne des VfB Stuttgart wichtig, dass die Zustände, wie wir sie über Jahrzehnte erleben mussten, nicht mehr zurückkehren. Ich will keine Seilschaften und informellen Kreise, ich möchte Transparenz, Ehrlichkeit und eine der Zukunft zugewandte Vereinspolitik. Niemanden, die/der sich besonders toll fühlt, wenn man in der Business Lounge die „wichtigen“ Hände schüttelt, sondern Menschen, die den Verein und die AG ehrlich voranbringen wollen.

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2 Kommentare

  1. Roland Händel 8. Januar 2021

    Ich nehme schon seit längerem war das der Vereinsbeirat das mächtigste Organ im Verein ist, dem man ein Ende setzen sollte. Wenn dieses in der Satzung steht sollte man da ansetzen. Ein Vereinsbeirat ist kein Muss in einem Verein. Wir haben genügend andere Kräfte im Club die die Geschicke lenken. Hitz möchte den Verein sicher dahin umbauen das immer mehr Sportkompetenz einzieht. Ein Präsident mit Fußball Sachverstand fehlt dem Verein schon immer.

    Gruß Roland Händel

    • Ron 8. Januar 2021 — Autor der Seiten

      Nun, da bin ich komplett anderer Meinung in Bezug auf die sportliche Kompetenz eines Präsidenten. Sicherlich darf ihm das nicht fremd sein, aber in der aktuellen Struktur liegt der Profifußball nun mal in der AG und da ist genug Sportkompetenz versammelt. Sollte das die Motivation von Hitzlsperger sein, dann liegt er mMn auch da falsch.

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