NACHSPIELZEIT

Was für ein Jahr …

Wer den VfB Stuttgart nicht erst seit gestern verfolgt weiß, dass es so etwas wie „Ruhe“ rund um den Club nie gibt. Dieses Jahr 2021 hat aber in jeglicher Hinsicht nochmal neue Maßstäbe gesetzt. Ein paar Gedanken dazu.


Der VfB schickte sich Ende des vorigen Jahres an, mit der schweren Hypothek des „Datenskandals“ in das neue Jahr zu starten. Eines Skandals, der nicht nur den mehr als sorglosen (manche sagen „kriminellen“) Umgang mit den Daten der eigenen Mitglieder offenbarte, sondern auch die Gesamtstimmung rund um den VfB schon ordentlich angeheizt hatte. Den wirklichen Auftakt in eine wildes erstes Halbjahr bildete aber der offene Brief, den Thomas Hitzlsperger vor nun knapp einem Jahr veröffentlichte:

Feiert am 30.12. den ersten Geburtstag: Der offene Brief von Thomas Hitzlsperger (Auszug)

Was folgte war ein unwürdiges Schmierentheater, dass nicht nur den Verein, sondern auch Personen beschädigte und Gräben erneut aufriss, von denen man geglaubt hatte, dass diese endlich einigermaßen zugeschüttet wären. Gräben, die auch bis heute noch Bestand haben (aber dazu später mehr). Und so konnte Fußball-Deutschland mal fassungslos, mal amüsiert bestaunen, wie sich der Club über offene Briefe, Statements und Gegenverlautbarungen, verschobene Mitgliederversammlungen und allerlei vereinsrechtliche und sonstige Winkelzüge selbst zerlegte. Als VfB-Mitglied und Fan war man allerdings erneut an einem absoluten Tiefpunkt angekommen und es gab Phasen, in denen nicht absehbar war, in welche Richtung sich der Verein entwickeln würde. Heute wissen wir, dass sich über die Gremien das Gesicht des e.V. massiv verändert hat. Zum Besseren wie ich finde. Und auch in der zugehörigen AG wurden Personalentscheidungen getroffen, die auf deutlich mehr Professionalität für die Zukunft hoffen lassen.

Ein Professionalität, die übrigens nicht wenigen in den letzten Wochen vorrangig dem Aufsichtsrat bei der Suche nach einer Nachfolge für Hitzlsperger abgesprochen haben. Ich habe mich ganz bewusst in den letzten Wochen dazu nicht geäußert, weil mir für eine fundierte Meinung zu all den Vorgängen schlicht und einfach das nötige Wissen fehlt. Und anders als so mancher sage ich dann lieber nichts als wild darauf loszuspekulieren und mit Meinungen in die Öffentlichkeit zu gehen, die die Grenze zur Verschwörungstheorie nicht nur erreicht, sondern oft auch überschritten haben. Auf jeden Fall hat sich aber gezeigt, welche fragiles Gebilde der VfB nicht nur intern immer noch zu sein scheint, in dem man nach allen Erfahrungen diesen Jahres sehr darauf bedacht ist, auch wirklich keinen Fehler und sich somit angreifbar zu machen. Die Kommunikation war sicherlich nicht optimal, und da schließe ich Sven Mislintat ausdrücklich mit ein. Intern würde ich schon erwarten, dass alle Stakeholder in diesem Prozess abgeholt und soweit notwendig informiert sind. Auf der anderen Seite ist es der Verein aber niemandem außerhalb des Clubs schuldig, regelmäßige Wasserstandsmeldungen zum Verfahren abzugeben, im Gegenteil. Wenn dann selbsternannte Experten für die Besetzung von Vorstandsposten in der Presse oder auf Social Media täglich Kommentare liefern, dann schadet das dem Club vielleicht in der Außenwahrnehmung, sollte aber die handelnden Personen nicht anfechten.

Gespannt bin ich sehr, wie sich die Neuaufstellung im Vorstand nun auf die VfB Stuttgart 1893 AG auswirken wird. Rein fachlich haben wir die jeweiligen Posten inzwischen mit Personen besetzt, die auf jeden Fall die notwendige Expertise mitbringen und denen ich durchaus zutraue, den Club hier auch weiterentwickeln zu können. Weiter Strukturen zu schaffen, die personenunabhängig funktionieren. Wo es keine Alleingänge mehr geben kann und ein robustes System der „Checks and Balances“ etabliert ist. Und wo es auch eine wertschätzende Unternehmenskultur gibt, die Grundlage und Ansporn für Höchstleistungen auch abseits des Rasens ist.

Mindestens genauso genau werde ich aber auch darauf schauen, wie sich die AG in Richtung der Mitglieder und Fans positionieren wird. Gehört zur Professionalisierung auch, dass das, was einen Traditionsverein ausmacht, wo möglich reduziert wird? Weil es dann die Führung des Unternehmens leichter macht? Werden wir Mitglieder und Fans noch mehr zu Kunden und marginalisiert? Zu einer Kennzahl in Reports? Zu Empfängern einer Einbahnstraßenkommunikation? Spricht man wirklich mit den unterschiedlichen Fangruppen und versteht deren Bedürfnisse? Oder erachtet man den Dialog lediglich als notwendiges Übel? Wird man den VfB weiter in Richtung einer deutlichen Positionierung bei gesellschaftlichen Themen vorantreiben? Wir werden sehen und beobachten.

Und wie geht es eigentlich beim e.V. weiter? Nach der Mitgliederversammlung im Sommer ist es wieder viel zu still geworden. Natürlich mussten sich die neu zusammengestellten Gremien erst finden, das ist ganz normal. Aber dass komplette Funkstille herrscht, ist ein Rückfall in alte Zeiten und sollte eigentlich der Vergangenheit angehören. Wie hat man sich nun aufgestellt? Was hat man sich für die Dauer der Amtsperiode vorgenommen? Welche Themen sollen angefangen werden oder sind bereits in der Bearbeitung? Was ist eigentlich mit dem Konzept „Zukunft Profifußball“? Der weiteren Arbeit der Satzungskommission? Ich würde mir hier mehr Transparenz wünschen, eben weil so viele neue Personen in Präsidium und Vereinsbeirat sitzen. So drängt sich der Eindruck auf, dass man sehr viel mit sich selbst beschäftigt ist und zu viel Zeit darauf verwendet, sich in den neuen Rollen zu arrangieren. Wäre schön, wenn man hier etwas mehr von dem frischen Wind spüren würde, den wir uns alle mit der Wahl im Sommer erhofft haben. Und nein, auch hier verlange ich keine Wasserstandsmeldungen alle vier Wochen. Aber mehr geht da schon, auch abseits der Vor-Corona-Formate wie den Dunkelroten Tischen.


Für mich persönlich waren Januar bis April die intensivsten Monate, die ich bisher rund um den VfB erlebt hatte. Die Wellen, die Satzungsänderungsantrages ausgelöst hat, hatte ich so tatsächlich nicht erwartet. Blauäugig, wie ich heute weiß. Aber eine Erfahrung, die ich in den allermeisten Aspekten zu schätzen weiß, zumal ich auch jetzt noch guten Gewissens zu allem stehen kann, was ich damals gesagt und geschrieben habe. Dass mir manche bis heute unterstellen, mich als „Super-Mitglied“ oder „Fan-Boss“ selbst darstellen zu wollen, ist schade, aber nicht zu ändern und ist mir auch weitestgehend egal. Es tut nur weh, wenn es von Leuten kommt, die es eigentlich besser wissen sollten. Denn auch wenn mir teilweise in der Öffentlichkeit dieses Bild angedichtet wurde und wird, so könnte nichts weiter weg von der Wahrheit sein. Sich in dieser Weise zu engagieren steht allen offen, ich habe es halt getan (ohne dafür für mich irgendeine Sonderrolle in Anspruch nehmen zu wollen). Im Verlauf dieses Jahres musste auch ich daran arbeiten, manche Dinge nicht so nah an mich heranzulassen und insbesondere diejenigen zu ignorieren, deren Niveau nur knapp oberhalb des ach so heiligen Fußballrasens ist. Das ist nicht einfach, aber notwendig und klappt mittlerweile zum Glück auch ganz gut. Zum Glück gibt es da auch die vielen guten Gespräche in diesem Jahr und die Menschen, die ich habe kennenlernen dürfen.

Oben habe ich von Gräben gesprochen, die – mühsam zugeschüttet – in den letzten Wochen wieder aufgebrochen sind. Ich habe den Eindruck, dass manche die kolportierte Unruhe beim VfB nur zu gerne genutzt haben, um schon lange bestehende Ressentiments wieder aufleben zu lassen. Plötzlich gibt es das „Team Mislintat“ gegen das „Team Vogt“. Wird munter spekuliert, ob Hitzlsperger mit seinem Brief nicht doch recht hatte und in der Mercedesstraße gerade eine Diktatur der Unfähigen errichtet wird. Und sowieso mit einer ausgeprägten Lust an der Selbstzerstörung der komplette Untergang des VfB vorhergesagt wird. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das ankotzt! Insbesondere auf Twitter ist wieder eine toxische Stimmung entstanden, die mehr als bedenklich ist. Persönliche Angriffe, gerne per Non-Mentions, sind an der Tagesordnung, ein sachlicher und vernünftiger Austausch ist mit manchen gar nicht mehr möglich. Zu sehr herrschen mittlerweile die absoluten und unverrückbaren Meinungen vor, auch wenn diese jeglicher Grundlage entbehren.

Beim VfB sollte man grundsätzlich niemanden überhöhen, egal ob er Vogt, Hitzlsperger, Mislintat oder sonst wie heißt. „Niemand steht über dem VfB“ ist ein immer wieder gerne gezeigtes Transparent der Kurve, dessen zeitlose Wahrheit aber leider von viel zu vielen gerne vergessen wird. Natürlich ist es immer angebracht über Sachthemen zu diskutieren, zumal wenn die Informationen dazu vorliegen. Bedauerlicherweise scheint aber einigen mittlerweile die Kapazität abzugehen zu akzeptieren, dass man Personen auch mal kritisieren kann, ohne gleich alles infrage zu stellen. Es leben die Grautöne in dieser von Schwarz/Weiß geprägten Gesellschaft …

Ich finde Sven Mislintat einen super Typ und mag es wirklich sehr, wie er sich (für den Moment) mit dem VfB identifiziert. Gleichzeitig kann ich aber auch akzeptieren, dass auch er Ziele hat (wie jede*r von uns), die er mit aller Kraft erreichen will – auch wenn diese langfristig über den VfB hinausführen. Und dass man nun auf dem Relegationsplatz in die kurze Winterpause geht, darf gerne auch über das Totschlagargument „Verletzungspech“ hinaus diskutiert werden.

Thomas Hitzlsperger hat den VfB in einigen Dingen vorangebracht, die mir wichtig sind. Dass der Club endlich eine vernehmbare Position zu Themen abseits des Sports gefunden hat (etwa alles rund um LGBTQ+) ist ganz herausragend und das führe ich auf die Arbeit von Thomas zurück. Gleichzeitig finde ich aber, dass ihm in anderen Themenfeldern zu sehr die mangelnde Erfahrung und auch möglicherweise fehlendes Wissen anzumerken waren. Seinen Griff nach der absoluten Macht im Club und das fehlende Verständnis für die Befindlichkeiten der Fans (er spricht ja selten von den Mitgliedern) sind das nach Außen hin sichtbarste Zeichen. Das zu lange Festhalten an Oliver Schraft ein anderes.

Fehlende Erfahrung und dazu vielleicht eine zu große Angst vor Fehlern kann man auch Claus Vogt vorwerfen. Zu sehr hat er sich in diesem Jahr in internen Grabenkämpfen aufreiben müssen und hat dafür manchmal andere wichtigen Themen vielleicht aus den Augen verloren. Trotzdem finde ich weiterhin, dass er der beste Präsident des VfB ist, den wir seit vielen Jahren hatten. Weil ihm am Ende die richtigen Themen wichtig sind. Und er einfach auch eine tolle und authentische Persönlichkeit ist.

So bleibe ich bei dem, was ich vor nun fast einem Jahr bei SWR Sport gesagt habe: Ich bin „Team VfB“!

Und plädiere immer für eine differenzierte und sachliche Betrachtung, denn nur so können doch wir alle mit all den „Überraschungen“ umgehen, die der VfB immer wieder für uns bereithält. Eigentlich gibt es mehr Verbindendes als Trennendes und ich wünsche mir, dass wir uns alle dessen im nächsten Jahr wieder mehr bewusst werden!

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2 Kommentare

  1. Ute Perchtold 27. Dezember 2021

    Sehr erfrischend und gut zusammengefasst! Bin sehr froh über Deine Stimme im „Team VfB“ und will sie, also Dich, auch 2022 nicht missen. Vielen Dank für all Dein Nachdenken und Deinen Einsatz!

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