NACHSPIELZEIT

Es wird anders

Ich werde in Bezug auf den Profi-Fußball im Allgemeinen und auf den VfB Stuttgart im Besonderen verändert aus dieser Corona-Pause kommen.

Ja, ich werde mir das erste Spiel des VfB am 17. Mai anschauen. Weil ich wissen will, wie sich so ein Geisterspiel anfühlt, wenn man selbst emotional beteiligt ist (ohne diese Emotionen wie bei Köln gegen Gladbach war es auf jeden Fall schon mal gar nichts). Jetzt im Vorfeld tue ich mich allerdings schwer bei der Vorstellung, so etwas wie die sonst gewohnte Anspannung und Vorfreude auf das Spiel zu verspüren – und dabei geht es für den VfB ja noch um etwas. Wie schlimm muss das für die Anhänger von Mannschaften sein, die irgendwo im Niemandsland der Tabelle dümpeln und nicht mal mehr über Auf- oder Abstieg Spannung aufkommen kann?

Und dann kommt ja hoffentlich der direkte Wiederaufstieg des VfB in die 1. Bundesliga. Und man wird sich nur sehr gebremst freuen können. Gebremst und im kleinen (Familien-) Kreis. Keine Euphorie im Stadion, keine Aufstiegsfeier, nur ein paar traurige Fernsehbilder aus einem leeren Rund in Bad Cannstatt.

Ich habe die zurückliegenden Woche auch dafür genutzt, mir ein paar Gedanken über mein Verhältnis zur VfB AG, insbesondere den Profis, zu machen. Vor der Unterbrechung war ich zunehmend unzufriedener, konnte mich nicht mit der Mannschaft identifizieren, fand die fußballerische Leistung oft mangelhaft und hatte schon gar keine richtige Lust mehr auf die Stadionbesuche (hätte ich damals nur gewusst, dass diese auf Monate hinaus die letzten sein würden …). Von daher kam mir diese Zwangspause ehrlicherweise mehr als gelegen.

Eine Erkenntnis aus den letzten Woche ist für mich, dass ich meine Erwartungen an einen Verein/eine AG zurückschrauben muss. Der VfB ist zugegebenermaßen nicht erst seit Gestern in einer Lage, in der er es nie wird allen recht machen können. Zu unterschiedliche sind die Interessen und die handelnden Personen, zu sehr muss sich der Verein an vielen Stellen strecken. Das kann man kritisch sehen (ich tue es mitunter weiterhin), allerdings muss man sich auch mit dieser Realität bis zu einem gewissen Grad abfinden.

Die Identifikation mit der Mannschaft fehlt nach wie vor, ich versuche das aber rationaler zu sehen. Der gewaltige Umbruch im vergangenen Sommer ist sicherlich eine große Herausforderung für mich als Fan. Viele neue Spieler, die sicherlich alle persönlich nett sind, aber zu einem großen Teil eben keine Vergangenheit beim VfB und noch nichts erreicht haben. Bisher daher einfach nur Menschen sind, die aktuell halt das Trikot mit dem Brustring anhaben. Sicherlich gibt es Ausnahmen, die reichen für mich aber nicht. Was die Mannschaft angeht, steht der VfB also auch in Bezug auf die emotionale Bindung am Anfang einer jahrelangen Aufbauarbeit. Zeit, die ich zugestehen will, auch wenn es schwer fällt. Echt schwer!

Wie der VfB sportlich in den Rest der Saison startet bleibt abzuwarten. Der Stand sowohl unserer Mannschaft als auch der anderen Vereine ist eine reine Wundertüte. Hilft uns der große Kader, auf den man jetzt beim VfB mit Genugtuung blickt? Ist die individuelle Qualität wirklich so hoch, wie man sie dem VfB so häufig nachsagt? Fehlt den Jungs aus Cannstatt daher das anpeitschende Publikum tatsächlich weniger als den Gegnern, die nur mit den Fans im Rücken über sich hinauswachsen können? Konnte das Trainerteam die Zeit nutzen, neue Dinge über alternative Wege an die Mannschaft heranzutragen? Man weiß es nicht. Klar ist aber, dass die verbleibenden Spiele ein wirklicher Charaktertest für Mannschaft, Trainer und AG sind. Wer hier nicht mitzieht sondern meint, dass auch 90% Leistung ausreichend sind (schließlich muss man ja „nur“ den Status Quo halten), hat dann einerseits nicht verstanden, worum es für den VfB und seine Fans geht und andererseits – ich formuliere es bewusst hart – beim VfB zukünftig auch nichts mehr verloren. Nico Willig hat in der Abstiegssaison das Bild von den Endspielen geprägt, genau dieses sollte auch jetzt wieder Anwendung finden. In einer Saison, in der man nicht nicht weiß ob sie überhaupt zu Ende gespielt wird, kann jedes Spiel das letzte und entscheidende sein. Ich hoffe, dass die Trainer dies der Mannschaft klarmachen können und dies den Druck in Leistung ummünzen kann. Obwohl, mit Druck kann der VfB ja schon länger nicht mehr umgehen …

Seit dem letzten Sommer hat sich beim VfB durchaus ja auch Positives getan, es wäre also ungerecht, über allem den Stab zu brechen. Nicht alle Veränderungen sind von außen sichtbar, vieles tut sich wahrscheinlich auch (zu Recht) im Verborgenen. Noch immer läuft nicht alles zu jeder Zeit rund, aber man hat bewiesen, dass man durchaus – wo angebracht – auch das Feedback von außerhalb der Geschäftsstelle aufnimmt und Dinge verbessert. Eine so weitreichend Umstrukturierung des NLZ und Nachwuchsbereiches ist auch kein Vorgang, der mal eben so passiert. Man hat also die Zeit seit dem Amtsantritt von Thomas Krücken im Mai 2019 auch für diese Konzeption genutzt. Es wird sich erst mittel- und langfristig herausstellen, ob diese Maßnahmen greifen und zu einer Verbesserung führen (die eigenen Ziele sind ja sehr „ambitioniert“ formuliert). Für mich erscheint der Umbau in Hinblick auf die verlangsamte Entwicklung des Nachwuchses (oder anders gesagt: Der VfB wird zunehmend von anderen Clubs abgehängt) in den letzten Jahren allerdings mehr als notwendig. Wie immer erfordern solche grundlegenden strategischen Änderungen Mut, zu dem ich den Verantwortlichen gratuliere, denn ohne diese Eigenschaft wird es beim VfB keine Weiterentwicklung geben.

Erscheint die VfB-Welt für mich also nun nur noch im Blick durch die dunkelrosa Brille? Nein, natürlich nicht. Ich habe auch weiterhin Erwartungen an meinen VfB, werde hier aber zukünftig genauer unterscheiden. Keine Nebenkriegsschauplätze mehr, sondern Konzentration auf das Wesentliche. Ich will mich nicht mehr über weniger gut gelungene Marketing-Mails aufregen, den VfB aber weiterhin mit meinen bescheidenen Mitteln dazu antreiben, die eindeutige Positionierung gegen Sexismus, Homophobie und Rassismus fest in der Club-DNA zu verankern. Ich möchte, dass der VfB Wege aus der Falle findet, in die sich der Profi-Fußball in so ziemlich jedem Aspekt, den man sich vorstellen kann über die Jahre selbst manövriert hat. Und sich wirklich mit Konsequenz daran macht, auch dem Frauenfußball eine Heimat zu bieten. Über schlechte Leistungen auf dem Platz werde ich mich selbstverständlich auch weiter maßlos ärgern, auch wenn ich die Emotionen in Bezug auf den VfB etwas rausnehme.

In Bezug auf den Profi-Fußball im Allgemeinen kann ich nur in den vielstimmigen Chor deren einstimmen, denen das „Spektakel“ mal so gar nicht gefehlt hat. Das mag damit zusammenhängen, dass man in gesundheitlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich unsicheren Zeiten viele, viele andere Dinge im Kopf hat. Hängt aber auch damit zusammen, dass diese Pandemie das geschafft hat, was viele Beiträge, Artikel, Podcasts, Diskussionen etc. vorher nicht vermocht haben: Dem Fußball die Maske vom angeblich durchprofessionalisierten Gesicht zu reißen. Hervorgekommen ist ein offensichtlich fragiles Gebilde, dass so sehr auf Kante genäht ist, dass es beim geringsten Druck zu platzen droht. Ein Gebilde, dass mit nicht wirklich überzeugender Demut auf Teufel komm raus erreicht hat, trotz vieler guter Argumente dagegen, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Zu dessen Strategie es gehört, sich aktuell reuig zu zeigen und hoch und heilig Besserung zu versprechen (dieses Mal aber wirklich!), auf die Ergebnisse der Task-Force aber wahrscheinlich nicht nur ich skeptisch warten werde. Die Bundesliga wird eine der wenigen Ligen sein (wenn nicht sogar die Einzige), die wieder in den Spielbetrieb gehen und somit in Bezug auf TV-Übertragungen weltweit eine große Anziehungskraft ausstrahlen wird. Was wird eigentlich mit den Mehreinnahmen geschehen, die dadurch sicherlich generiert werden? Wie sollen diese sinnvoll investiert werden? Und damit meine ich nicht die nächste EM oder WM …

Ich hoffe für alle Beteiligten, insbesondere aber für die Spieler, dass zuvorderst die Gesundheit nicht unter dem Zwang der Weiterführung der Saison leiden wird (vielleicht sehen wir das auch erst in ein paar Jahren). Denn das ist es echt nicht wert!

Ich empfehle übrigens für ein paar der zu diskutierenden Aspekte als Denkanstoß die beiden letzten Schriften von André Bühler, die dieser im Rahmen der „Nachspielzeit“ (witziger Name …) beim Deutschen Institut für Sportmarketing veröffentlicht hat.

Es wird anders. Und das hoffe ich nicht nur in Bezug auf meine persönliche Beziehung zu den Brustringträgern, sondern auch für den VfB und den Profi-Fußball insgesamt. Aber vielleicht bin ich dann doch am Ende auch nur ein armer, verblendeter Fußball-Nostalgiker. Wir werden sehen …


Auch die Website ist jetzt ganz anders. Dazu ein ander Mal mehr.

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2 Kommentare

  1. Thilo Schäfer 11. Mai 2020

    Hallo,
    Dein Kommentar möchte ich nicht bewerten, sondern dich Fragen was dich grundsätzlich dazu bewegt hat das zu schreiben- und zwar so wie du es geschrieben hast.

    Ich selbst bin übrigens dagegen das die Liga startet, werde aber weiterhin Fußball Fan und insbesondere dunkelroter bleiben. Ob das gut… wir werden sehen.

    Schön wäre wenn wir in paar Jahren sagen könnten „hat alles seinen Sinn gehabt“.

    VG Thilo Schäfer

    • ronmerz 11. Mai 2020 — Autor der Seiten

      Hi Thilo,
      danke für Deinen Kommentar!

      Ich habe in den letzten Wochen und Monaten wirklich viel über mein Verhältnis zum VfB und zum Profi-Fußball im allgemeinen nachgedacht. Die Geschichte mit dem VfB war vor der Corona-Pause zunehmend angespannt, was an Dingen rund um den VfB aber – wichtige Einsicht! – auch bei mir persönlich lag. Diese Erkenntnis hat mich dazu bewogen, ein paar Dinge zu verändern. Das dann zu veröffentlichen hält mich dann hoffentlich davon ab, wieder in alte Muster zurückzufallen. Und eines ist auch klar: ich bin nicht umsonst lebenslanges Mitglied, werde also auch immer Dunkelroter bleiben.

      Das ist in Bezug auf den Profi-Fußball nicht ganz so einfach. Dennoch war es mir beim Schreiben wichtig auch darüber ein paar Worte zu verlieren, denn es ist in der Vergangenheit viel falsch gelaufen und so ganz kann ich nicht erkennen, dass dies jetzt besser ist oder irgendwann werden wird. Ja, es wäre schön in der Rückschau zu sagen, dass es eine Veränderung zum Positiven gegeben hat. Ich selbst nehme nicht für mich in Anspruch Lösungen zu haben, aber es werden ja schon in der Öffentlichkeit viele Ideen und Ansätze diskutiert. Inwieweit das dann bei DFL und DFB auch ankommt und ernsthaft aufgearbeitet wird bleibt offen.

      Konnte ich Deine Frage damit beantworten?

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