NACHSPIELZEIT

Theoriefindung

Kurz vor dem Jahreswechsel sind beim VfB alle Zurückhaltungen gefallen und der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger hat nicht nur den Präsidenten Claus Vogt maximal scharf angegriffen, sondern gleichzeitig auch noch die Kandidatur um das Amt des Präsidenten verkündet. Wenig später hat dann Claus Vogt seinerseits in einem offenen Brief reagiert, die Vorwürfe zurückgewiesen und das Bestreben, die Untersuchung durch Esecon im Rahmen des Datenschutzskandals zu beenden, als Hauptgrund für den Vorstoß Hitzlspergers identifiziert.

In seinem offenen Brief spricht Thomas Hitzlsperger davon, dass „der Profilierungswunsch eines Einzelnen“ die Existenz des ganzen Vereins gefährde. Starker Tobak! Und das „nur“ wegen eines Vergehens gegen den Datenschutz und den zugehörigen Ermittlungen? Und geht es da wirklich nur um die Kosten?

Sind wir doch mal ehrlich: Die vom Kicker aufgedeckten Vorkommnisse in Bezug auf die Weitergabe und Verwendung von Mitgliederdaten sind unverzeihlich und zumindest auf moralischer Ebene ein weiterer Tiefpunkt in der Geschichte des VfB. Gleichzeitig ist es aber doch so, dass diese Thematik relativ klar ist und auch vonseiten des VfB einfach aufgearbeitet und kommuniziert werden könnte. Man könnte zum Beispiel sagen, dass die Vorkommnisse nun aufgearbeitet wären, man personelle Konsequenzen gezogen und Strafen gezahlt habe und gleichzeitig gemeinsam mit den Datenschutzbehörden ein Konzept erarbeitet habe (oder gerade dabei sein), dass solche Vorgänge in der Zukunft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindern werde. Der VfB ist ja nicht das erste Unternehmen, dass sich in solch einer Situation befindet und dann die Konsequenzen aushalten muss. Allerdings geht das auch wieder vorbei, vor allem wenn die Öffentlichkeit von der Aufrichtigkeit der Maßnahmen überzeugt ist. Kurz: Schon schlimm, aber auch kein Weltuntergang.

Dazu kommt auch die gefühlte Diskrepanz zwischen dem offenen Brief Hitzlspergers und dessen Auftreten und Wirken bis dahin. Selbst wenn man unterstellt, dass Thomas Hitzlsperger sehr konsequent die eigene Weiterentwicklung im Blick hat und dem im Zweifel sogar die Belange des VfB unterstellen würde, so ist die Art dieses Vorstoßes doch kaum zu erklären. Steckt also noch viel, viel mehr hinter den ganzen Vorgängen, als außerhalb des VfB (bzw. eines kleinen Kreises beim VfB) bekannt ist? Und dauert eine Untersuchung dieses dann doch isolierten Vorfalles – bei allen möglicherweise vorhandenen Erinnerungslücken der damals Beteiligten – wirklich so lange?

Viele Aspekte also, denen ich mich mal hochspekulativ und mit vielen Annahmen nähern möchte. So spekulativ, dass zugegebenermaßen der Weg zur Verschwörungstheorie vielleicht gar nicht mehr so weit ist. Und das sei vorausgeschickt: Ich hoffe wirklich nicht, dass da auch nur ein Funke Wahrheit dran ist! Dennoch bietet diese Theorie Erklärungsansätze für die letzten Tage und Wochen.

Grundlage für die folgenden Ausführungen ist die Annahme, dass nicht mehr die Ergebnisse der Untersuchungen zu Vorgängen rund um die Weitergabe von Daten, sondern noch tiefer liegende Erkenntnisse zur aktuellen Situation geführt haben. Um es zu konkretisieren (Achtung Spekulation!): Esecon hat Indizien oder sogar Beweise dafür gefunden, dass es im Rahmen der Ausgliederung zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Oder noch genauer:

Die Abstimmungen auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 1. Juni 2017 wurden nicht korrekt durchgeführt und könnte daher keine Gültigkeit besitzen.

Was bringt mich zu dieser Theorie?

  • Es ist aus meiner Sicht naheliegend, dass sich die Esecon im Rahmen ihrer Untersuchungen tatsächlich auch mit den Vorgängen bei der Ausgliederung beschäftigt hat. Nach dem Motto „Dann wollen wir uns doch mal anschauen, inwieweit die Nutzung der Mitgliederdaten überhaupt einen Einfluss gehabt hat“.
  • Schon während der damaligen aoMV wurden immer wieder Proteste mancher Mitglieder laut, die nicht abstimmen konnten. Dies war vor allem in der Untertürkheimer Kurve der Fall. Das wurde sowohl von der anwesenden Presse aufgenommen als auch auf Twitter geteilt.
  • Aufgrund nicht ausreichend vorhandener Abstimmungsgeräte war es dann so, dass sich mehrere Personen ein Gerät teilen mussten. Hinweise auf die Fehlfunktionen wurden wohl teilweise mit einem Schulterzucken ignoriert.
Quelle: Screenshot zvw.de
Quelle: Screenshots Twitter
  • Die Zahl der jeweils abgegebenen Stimmen zeigt eine große Diskrepanz zu den offiziell angegebenen anwesenden stimmberechtigten Mitgliedern (12.778). Selbst wenn damals einige dieser stimmberechtigten Mitglieder nach Abholung des Gratis-Trikot und Verwendung der Verzehrgutscheine umgehend die Versammlung wieder verlassen haben, so sind ca. 3.000 fehlende Stimmen bei den jeweiligen Abstimmungen doch eine sehr große Zahl. Zudem wäre es auch eine theoretische Möglichkeit, dass es bei der Abstimmung mehrerer Personen über ein Gerät zu Stimmverlusten kam.
Quelle: Screenshot vfb.de
Quelle: Eigenes Foto
Quelle: Eigenes Foto
Quelle: Screenshots Twitter

Zusätzlich zu diesen Informationen kann ich mich auch noch an eine Gesprächsrunde im Rahmen der Mitgliederversammlung am 10. Juni 2018 erinnern, in der ein Mitglied davon berichtete, dass sie überlegt habe, die Abstimmung zur Ausgliederung ein Jahr zuvor anzufechten, da sie aufgrund der technischen Probleme nicht von der Korrektheit überzeugt sei. Sie sei darauf hin aber von mehreren Personen des VfB mehrfach eindringlich gebeten worden, dies zu unterlassen. Hier kann der Hintergrund natürlich schlicht der Wunsch des VfB sein, dass man nicht nochmal Unstimmigkeiten provozieren wollte. Natürlich könnte es aber genauso sein, dass schon hier eine genauere Beschäftigung mit dem Thema verhindert werden sollte.

Sollten diese Indizien tatsächlich Substanz haben und gemeinsam mit handfesten Unterlagen (z.B. Protokolle des Technik-Anbieters oder vereinsinterne Dokumentationen) ein beweisbares Gesamtbild ergeben, dann könnte diese ungeahnte Ausmaße für den VfB Stuttgart haben. Oder wie es Hitzlsperger formulierte: Die Existenz des Vereins bedrohen. Im schlimmsten Fall könnten nämlich dadurch sogar die komplette Ausgliederung ins Wanken geraten. Die Konsequenzen daraus kann ich aufgrund mangelnder rechtlicher Kenntnisse nicht wirklich greifen, aber erste Fragen lassen sich formulieren:

  • Muss die Ausgliederung rückgängig gemacht werden?
  • Oder „nur“ erneut darüber abgestimmt werden?
  • Was passiert, wenn es dann keine Mehrheit für die Ausgliederung gibt?
  • Kann eine AG überhaupt einfach so wieder in einen e.V. zurückgeführt werden?
  • Welche Handhabe hat der Investor Daimler?
  • Was passiert mit 42 Mio. Euro, die Daimler für Anteile an der AG bezahlt hat? (Hat Daimler die überhaupt tatsächlich bezahlt?)
  • Welche Konsequenzen hat dies strafrechtlich für die damals und ggf. auch noch heute Verantwortlichen?
  • Welche Auswirkungen hat dies auf die Lizenzierung durch die DFL?

Zweifellos würde dies den VfB komplett ins Chaos stürzen. Vielleicht könnte es sogar dazu führen, dass es den VfB wie wir ihn kennen danach nicht mehr geben würde. Ganz sicherlich würde es aber Konsequenzen für Personen im Verein geben, die einige Positionen würden vakant werden lassen.

Vielleicht liege ich mit dieser Erklärung und Herleitung auch komplett daneben und es gibt da gar nichts. Oder aber es ist schlicht ein anderer Aspekt, der hier zum Tragen kommen könnte. Für mich würde es aber eben auch erklären, warum Thomas Hitzlsperger so massiv an die Öffentlichkeit gegangen ist. Warum er scheinbar in ein letztes Gefecht geht und sogar seine Reputation dafür aufs Spiel setzt. Warum er drastisch formuliert. Und warum eine Fortführung der Aufklärungsarbeit der Esecon unbedingt verhindert werden soll.

Nochmal: Ich habe keine Beweise für diese Vorgänge, es handelt sich um pure Spekulation. Und wie alle Verschwörungstheorien passen die Hinweise vielleicht auch zu gut zusammen, um wirklich wahr zu sein. Hoffentlich!

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